Und ewig bimmelt das Handy

Ok, einen hab ich noch!!!

In Korea hat jeder ein Handy. Wirklich jeder. Absolut jeder.

Das treibt seltsame Blüten, ich habe in der U-bahn zum Beispiel einen Mann gesehen, der vom Aussehen her bestimmt 90 war. Mindestens. Langsam und bedächtig ging er auf seinen Stock gestützt gebeugt den Bahnsteig entlang. Pötzlich faßte er sich an die Brust und ich befürchtete einen Herzinfarkt, aber mitnichten. In einer absolut ihm nicht zugemuteten Schnelligkeit ging er zwei Schritte auf eine Säule zu, lehnte seinen Stock an selbige, holte aus seiner linken Brusttasche sein Handy raus und telefonierte sehr angeregt.

Das war insofern ungewöhnlich, als das der normale Seouler sein Handy offen trägt. Für jeden sichtbar und immer in der Hand. Entweder er telefoniert oder er spielt damit rum. Oder aber wirft zumindest alle zehn Sekunden einen prüfenden Blick drauf. Nun gibt es mehrere Theorien, warum er/sie/es seinem Handy die Welt zeigt, anstatt es wie unsereins in die Tasche gleiten zu lassen.

Theorie Nummer 1: Ein Handy ist Statussymbol und muß gezeigt werden. Dagegen spricht aber, daß es derart normal ist, eins zu haben, daß kaum noch jemand auf die Idee kommt, mit dem Ding zu protzen. Es hat in etwa den Status eines Reiskochers erlangt.

Theorie Nummer 2: Südkorea hat das T-Money System. Das sind wiederaufladbare Karten, mit denen man die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann. Man hält sie einfach vor ein Gerät im Bus oder am Eingang der U-Bahn und das Geld wird automatisch abgebucht. Zwar gibt es noch Automaten und in Bussen kann man auch noch mit abgezähltem Geld zahlen, aber damit outet man sich entgültig als Touri der Malle-Fraktion. Die aufladbaren Karten gibt es als Scheckkarte oder aber in kompremierter Form als Handyanhängsel. Und da man dauerend mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, lohnt es schlicht nicht, die Karten nebst Handys wieder wegzustecken. Allerdings haben wie gesagt auch viele einfach eine Scheckkarte und trotzdem dauernd das Mobile draußen. Was uns zu

Theorie Nummer 3 führt: Nämlich, daß es schlicht so laut in der Bahn/auf der Straße/ im Bus ist, daß man schlicht nicht hört, wenn das Teil klingelt. Deswegen hat man es in der Hand, weil man es dann sieht, wie es leuchtet oder fühlt, wie es vibriert. Für mich die bisher eingängiste Theorie.

Wie dem auch sei, mein Handy war nicht Südkoreatauglich und damit zuhause im Koffer und es war schon komisch zu sehen, daß auch Seouler auf Zeit sich diese Art des “Ich zeige meinem Handy die Welt” angeeignet haben und man anscheinend die wirklich einzige Person in einer 11 Millionnen Metropole ist, die sich da ausschließt. Sollte also zufällig ein Südkoreaner mitlesen, der sich über das komische Rundauge gewundert hat: Doch, ja, ich habe auch ein Handy. Sogar ein schönes. Und ab jetzt, zeige ich ihm auch, wie schön die Welt ist, dann freut es sich bestimmt auch!

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Published in: on 25. Oktober 2007 at 15:36  Hinterlasse einen Kommentar  

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