Brötchenphilosophische Gedanken

Hab ich was verpaßt? Ist da eine wichtige gesellschaftliche Entwicklung komplett und spurlos an mir vorbei gegangen?

Ich war heute morgen beim Bäcker Brötchen kaufen. Ein paar mehr als üblich, weil wir wieder Überraschungskinderbesuch hatten und die haben ja bekanntlich ihre ganz eigenen Wünsche, die meine Kinder dann wiederum umgehend adaptieren. Für den einen Tag.

Jedenfalls war in der Bäckerei eine sehr lange Schlange und ich wurde Zeuge, wie ungefähr jeder Zweite die Beträge auf den nächsten Zehner aufrundete. Häh? Wie bitte? Ich erinnere mich noch sehr deutlich daran, wie groß die Empörung war, als die Brötchen noch in Pfennig kosteten, was sie heute in Cent sind und es dann zu einer Erhöhung des Brötchenpreises um einen Pfennig kam. Und ich erinnere mich deswegen so gut daran, weil ich während meiner Lehre nämlich verbotenerweise samstags hinter der Brötchentheke stand – was mir auf ewig den Duft von frischen Brötchen verleidet hat.

Und ich kann mich in der gesamte zweieinhalbjährigen samstäglichen Backwarenverkaufzeit nicht an ein einziges Mal erinnern, das ein Kunde bei

“Das macht 96 Pfennige, bitte.”

“Machen sie ne Mark” gesagt hätte.

Nicht das hier falsche Vorstellungen aufkommen, wenn ich in einem Restaurant oder einer Bar bin, dann gebe ich – so der Service und die Qualität stimmt – immer Trinkgeld. Und es geht mir auch nicht um die drei Cent. Und ich hab auch schon meinem Fleischereifachpersonal an einem heißen Tag Eis vorbeigebracht. Und meine gesammelten Schwesternhelferinnen werden mit Trüffeln aller Art bestochen für ihre Freundlichkeit bedacht.

Aber irgendwie finde ich, ist das was anderes. Ich befürchte halt, daß Arbeitgeber monetäre Zusatzgaben als Ausrede nehmen, noch nicht mal einen Mindestlohn zu zahlen, denn man hat ja durch das Trinkgeld quasi eine Zusatzeinnahme, die ich als Konsument dann quasi moralisch verpflichtet bin zu zahlen. Und zwar ohne das das eigentliche Produkt günstiger wird.

Und so hab ich mich nach der fünf minütigen, inneren Debatte – und zwar vor dem ersten Kaffee – gegen ein Brötchen-Trinkgeld entschieden. Natürlich mit dem schlechten Gefühl, jetzt als Dorfgeizhals zu gelten.

Ich glaub, ich fahr doch noch mal schnell vorbei und bring der Bäckereifachangestellten ein frisches Blümchen aus dem Garten. Als Zeichen meiner Wertschätzung für ihre Tätigkeit und so.

Published in: on 25. April 2010 at 09:41  Hinterlasse einen Kommentar  
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