Parallelkulturen in Deutschland

Ich habe mich heute in der großen Stadt mit einem ehemaligen Schulfreund auf einen Kaffee getroffen, der zufällig gerade in Berlin war und vor dem Rückflug noch zwei Stündchen übrig hatte. Und weil das mit Schulkameraden ja immer so eine Sache ist, hab ich mich in volles Ornat mit Rock, Make-up und High-Heel-Stiefel geworfen – schließlich will man ja zeigen, daß man sich gut gehalten hat. Es war auch wirklich sehr nett und wir haben viel gelacht.

Auf dem Rückweg beschloss ich, kurz im Biosupermarkt vorbei zu schauen, da meine Kinder Hirse-Pops zum Frühstück lieben und der Tag schon schlecht anfängt, wenn Mutter mal wieder den wöchentlichen Gang zum dörflichen Biomarkt verschwitzt hat. Und ich muß sagen, ich war von der Auswahl der Artikel dort extrem beeindruckt. Wäre ich nicht mit der Bahn gewesen, ich hätte mir das Auto voll laden können.

Weniger beeindruckt waren anscheinend die anderen Kunden von mir. Schon als ich mit meinen Stahlpfennigabsätzen in den Markt kam, drehten sich ob des wohl für ein Geschäft dieser Art ungewöhnlichen Geräusches wirklich sämtliche Leute um und starrten mich an, als ob ich mit jedem Schritt ihr Karma durchlöchern würde. Nun darf man nicht zimperlich sein, wenn man meint, mit wehendem Ledermantel durch das Dorf oder auch die Stadt gehen zu müssen. Aber die Kunden dort mit ihrem sorgfältig geplanten Mir-ist-ja-so-egal-was-ich-anziehe-Chic (danke liebe Frau Lostinabadbook, ich liebe Deine treffenden Beschreibungen) starrten mich an wie eine Außerirdische.

Wenn man sich in solchen Fällen nicht total lächerlich machen will, hilft nur eins: Nase hoch, Schultern straffen, Blick geradeaus und durch. Auf der Rolltreppe, die keine Treppe sondern eine Schräge war, was sich mit mit einer natürlichen Absatz-Neigung von 10cm beim Runterfahren als bänderdehnende Herausforderung er- und ein für alle mal bewies, daß das Klientel dort doch die etwas rustikalere Schuhmode bevorzugt, klapperte es noch mal sehr metallisch. Um so mehr, als ich mehr als einmal mit lautem Geklapper zu Seite springen mußte, weil mir umgekehrt zur Laufrichtung des Bandes Kinder in die Beine sprangen. Vier Stück. Wiederholt. Irgendwie geartete Eltern waren nicht zuzuordnen, geschweige denn nahmen sie sich die Jungs und Mädels mal zu Seite.

Und es war unglaublich laut. Was unter anderem an dem ca. eineinhalbjährigen OskarJakobPaul lag, der seinem Trotzanfall erlag. Und noch einem. Und noch einem. Und einem vierten. Nun habe ich bekanntlich selbst zwei Kinder, die durchaus einen ordentlichen Schreianfall zur rechten Zeit am rechten Ort zu schätzen wissen. Ich hab keine Ahnung, ob es daran liegt, daß ich mich nicht durchgehend biologisch wertvoll ernähre und meine Nerven durch zuviel Konservierungsstoffe geschädigt sind, aber nach dem vierten Mal noch geduldig

“Aber OskarJakobPaul, wir wollen doch nicht noch mal schreien, das haben wir doch gerade besprochen. OskarJakobPaul, ich fände das jetzt wirklich toll von Dir, wenn Du aufstehen würdest, schau mal, die Frau da möchte mal durch” und auf mich zu zeigen, finde ich einen sehr beeindruckenden Beweis an Sanftmut. Die Frau lächelte leicht unsicher und stieg über das sich am Boden windende Kind Richtung Selbstbedienungsborttheke. OskarJakobPaul hörte spontan auf zu schreien und starrte mich an. Als ich nach getaner Brotentnahme Richtung Kasse klapperte, ließ die Schockstarre nach und das Kind setzte zu Trotzanfall Nummer fünf an. Was die Samtpfötchenstimme hinter mehr sagte, habe ich dann aufgrund des erneut anschwellenden Lautstärkepegels leider nicht mehr verstanden.

Ich war so froh, daß an der Kasse keine Schlange war. So gut ich den Laden finde, ich schwöre, ich werde nie wieder ohne Ohrenstöpsel und angemessenem Dresscode da rein gehen. Und schon gar nicht gehe ich da mit meinen Kindern hin. Nachher können die von den intellektuellen, bestimmt ihren Namen tanzenden Kindern dort was lernen.

Ne, lass mal lieber.

Published in: on 1. November 2010 at 22:23  Hinterlasse einen Kommentar  
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