Bein zweiten Kind wird alles anders

Da es zur Goldenen Hochzeit auch mal eben wieder 500 km ein Weg waren, hatte ich mich für die Zug entschieden. Also Kinder Eins und Zwei gepackt, einen Koffer, eine Essenstasche, einen Rucksack für Kind Nummer Zwei, einen Trolley für Kind Nummer Eins und einen Kinderwagen (ja, wir waren immerhinvon Freitag bis Sonntag unterwegs) gepackt und ab in den ICE auf ins Familienabteil.

Dort wartete bereits eine weitere Familie. Mann, Frau und sehr süsses einjähriges Kind. Ich richte mich ein, die Kinder ziehen die Schuhe aus und gehen in der Kletterburg toben. Das einjährige Kind klettert mit Begeisterung auf dem Tisch rum und pfeffert lachend Sohns Flasche auf die Erde. Ich hebe sie wortlos auf und Mutter setzt zu einem:

„Na, Du sollst doch nicht….“

wird dann aber von der Samtpfötchenstimme des Vaters unterbrochen.

„Nicht meckern. Wir wollen doch nicht meckern, er kann ja nichts dafür, da müßen die Erwachsenen aufpassen, nicht wahr, Hasemäuseschnäuzchen?!“

Er sagte wirklich Hasemäuseschnäuzchen. Ich schaute von einem zum anderen und meinte nur

„Das ist Ihr erstes Kind, oder?“

Ja, war es. Und sie machten alles streng nach Ernährungstabelle und Stiftung Warentest, wahlweise Ökotest. Und als das arme Kind sich leicht, ganz leicht die Finger nach hinten gebogen hat, war der Vater allen Ernstes versucht, die Notbremse zu ziehen um einen Notarzt per Hubschrauber kommen zu lassen. Zeitweise suchte ich nach den versteckten Kameras. Aber das war wirklich alles kein Scherz.

Die Armen! Ich hoffe, sie haben sich vom Realitycheck, den ich ihnen notgedrungen beschert habe, erholt. Meine Kinder durften Schokoladenbrötchen essen, die nun wirklich nichts Natürliches mehr enthielten. Sie haben Wasser getrunken, das mit Aromastoffen versetzt war, während Kind Nummer Zwei hingebungsvoll mit den Rädern des Kinderwagens spielte und Kind Nummer Eins pädagogisch fragwürdige Musik auf dem iPod hörte. Und ich habe Horrorstories erzählt, in denen Großeltern, Kinderwurst, Sprühsahne, Kinder und raue Mengen in einem Satz genannt wurden.

Derweil ihr Kind seelenruhig mit dem Gesicht zu mir in seinem Wagen gespielt hat. Und irgendwie hatet es von der Erde ein Stück besagtes Schokobrötchen geangelt, daß Kind Nummer Zwei für nicht mehr essenswert befunden hatte. Und der Kleine knabberte glücklich daran rum. Es war zur Hälfte den Weg alles Irdischen gegangen, als die Eltern es bemerkten. Entsetzte Blicke trafen mich, Panik kam in den Augen hoch. Dann wurde der Blick zu meinen sehr gesunden und glücklich vor sich hin spielenden Kindern gewandt. Irgendwann brachte der Vater dann raus:

„Naja, ich glaube, vielleicht kann man einige Dinge ja doch lockerer sehen. Mäusepfötchen, gib mir doch das Brötchen. Nein? Nicht? Schau mal, ich hab hier einen ganz leckeren Dinkelkeks. Ganz bestimmt nicht? Na gut….dann….eh…“

Und so bekam auch dieses Kind, was ein ehrlicher Jäger verdient. Seine Beute. Was mir wieder sehr viel Zuversicht gibt, daß die Wirklichkeit absolut jeden kriegt. Steht auch irgendwo bei Stiftung Warentest. Bestimmt.

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Published in: on 26. August 2008 at 17:23  Schreibe einen Kommentar  
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