Individualismus heute

Gestern habe ich mit Frau Lostinabadbook dem Nichtstun gefrönt zukünftige, wichtige Projekte besprochen und bin auf der Suche nach einem bestimmten Restaurant durch Mitte gelaufen.

Das habe ich lange nicht mehr getan und schon gar nicht hatte ich sonst die Zeit, in die Geschäfte, Restaurants, Friseursalons und Büros zu schauen. Und was anderes blieb mir auch gar nicht übrig. Denn es scheint mittlerweile absolut schick zu sein, daß die Angestellten und GästeKundenKlienten immer und aus jedem Winkel zu betrachten sind. Und zwar in jeder Lage. Sei es bei der wahnsinnig wichtigen Besprechung am langen Tisch oder mit Strähnchen auf dem Kopp beim ultrahippen Friseur, der seine eigenen Haare lieber erst gar nicht zeigt.

Mal abgesehen davon, daß ich mir nicht von einem Friseur die Haare schön machen lassen würde, der selbst eine weiße Rastafarimütze trägt, um seinen Verybadhair zu verstecken – niemals und unter keinen Umständen würde ich mich mit farbiger Pampe auf dem Kopf und weißer Creme am Haaransatz praktisch auf den Bürgersteig sitzen. Da kann das noch so in sein. Neee, da lob ich mir doch meinen Omi-Friseur im Keller eines Einfamilienhauses in den absolut niemand reinschauen kann/will.

Und ob die mal vor 20 Jahren modern gewesene Einrichtung nun so unbedingt schlechter ist, als das derzeit angesagte minimalistische-puristische, auf das wesentliche beschränkte, aber leider total kalte und ungemütliche Design eines jeden Ladens der Jetztzeit wage ich auch zu bezweifeln. Früher hat man irgendwo durch die Ladentür geschaut und gewußt „Aha, Restaurant“ , „Oh, ein Schuhladen“ oder auch „Sieh an, ein Bäcker“. Meist stand es sogar in großen, gut lesbaren Lettern dran und zwar in Worten, die einen Bezug zum Ladengeschäft hatten.
Im In-Viertel der Hauptstadt brauchte ich in Dreiviertel aller Läden eine Lupe, um den Namen zu entziffern, nur um mir dann doch nichts drunter vorstellen zu können.

Aber das Allerschlimmste: Alles sieht irgendwie gleich aus. Individualität gleich null, Uniformität wird groß geschrieben. Es sei denn, es ging auf Kosten des Augenlichts, weil die ganz neue Generation entweder in neon oder in Augenkrebs verursachenden kleinen, geometischen Mustern eingerichtet ist. Gerade die Restaurants haben alle die gleichen uneinladenden Tische, unbequem aussehende Stühle, dunklen Holzfußboden und bloß keine Accessoirs. Gleich neben der Tatsache, daß was anderes als Fusion-Food kaum noch zu haben ist.

So gesehen war ich direkt glücklich als wir endlich in unserem japanischen und übrigens ganz hervorragenden Suppenrestaurant gesessen haben. Das war zwar nicht unbedingt die Eck-Kneipe mit röhrendem Hirsch an der Wand, aber immerhin standen auf unserem Tisch Wasserbüffel-Hörner.

Da wurde einem doch gleich ganz heimelig ums Herz!

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Published in: on 25. Oktober 2009 at 17:19  Schreibe einen Kommentar  

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