Von der Ambivalenz des Muttertiers

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich bin eine schlechte Mutter. Warum?

Ich will meine Ruhe.

Und ja, ich weiß, sie werden ja so schnell groß, Kind Nummer Eins nabelt sich jetzt schon Stück für Stück ab – und läßt immerhin noch die Zimmertüre auf. Was einerseits gut ist, weil ich alles noch mitbekomme, aber andererseits Nerven wie Drahtseile erfordert, weil ich gefühlte 89 Mal am Tag Lady Gaga höre. Und auch Kind Nummer Zwei schläft mittlerweile alleine ein und rennt glücklich in den Kindergarten, nur widerwillig schnell einen Kuß zu mir werfend. Von Winken am Fenster rede ich ja gar nicht erst.

Und trotzdem – mal einen Tag Ruhe. Nur ich. Niemand, der mich fragt ob er noch Apfelsaaahaaaft haben darf. Oder wo die rosa Glitzerelfe….nein, doch nicht die, die andere….ist. Kein Geschwisterpaar, das kurz vor dem Brudermord steht, kaum das man mal 5 Sekunden sitzt. Oder man mal einen Artikel schreiben kann, ohne reale 12 13 Mal unterbrochen zu werden.

Ich werde mich in 4-5 Jahren dran erinnern, wenn meine Tochter nichts mehr mit mir zu tun haben will, weil Eltern per Definition dann peinlich sind. Wenn beide allein die Großeltern besuchen. Oder sich im pubertären Weltschmerz in ihrem Zimmer verschanzen.

Aber das hilft mir alles gerade im Moment nicht. Im Moment freue ich mich gerade unbändig auf meinen kinderfreien Tag in knapp zwei Wochen. Mit Spa und Wellness und feinem Essen und Cocktails und einem Buch. Und Ruhe.

Und einem Handy, das nicht auf leise gestellt ist, obwohl der Autor es wieder befehlen wird. Und wenn es, wie immer an meinen Müttergenesungstagen, nicht klingelt, dann werde ich traurig sein.

So ein bis drei Sekunden lang. Oder so.

Published in: on 29. März 2010 at 17:16  Schreibe einen Kommentar  

Das Leben lernt nie aus

Es ist ja ein offenes Geheimnis, daß man in der heutigen Zeit flexibel sein muß und sich nicht auf der Berufsausbildung/dem Studium ausruhen darf, die/das man irgendwann mal genossen hat. So gesehen sind Mütter das Paradebeispiel an flexiblem Arbeitnehmer. Dumm nur, daß das keiner bezahlt. Mal abgesehen von meinem eigentlichen Beruf als Mädchen für alles bin ich noch

Ernährungsberaterin/Köchin Vorbei die Zeiten, als man dem Kind eine Stulle als Zwischenmahlzeit auf den Tisch stellte. Heute muß alles nährstoffphysiologisch aufs i-Tüpfelchen ausgewogen sein. Und einfach Essen auf den Tisch stellen? Geschichte! Wenn man es nicht ansprechend und kindgerecht anrichtet, kann man sich gleich noch mal hinten anstellen und hoffen, daß das Kind nicht bullemisch oder adipositös wird.

Lehrerin Was haben all die Mütter eigentlich ohne Internet gemacht. Kinder stellen Fragen. Viele Fragen. Und die Antworten kennt allein Google. Leider hat Google noch keine Funktion, die Hausaufgaben beaufsichtigt und frustrierte Kinder wieder aufrichtet. Aber dafür ist man ja auch

Psychologin Zum Aufrichten von Kinderseelen. Und der gemeine Nichtkinderhaber ahnt ja nicht, was alles so eine Kinderseele knicken kann. Welche Dramen ein „Heute spiele ich aber mit Freundin Nummer Drei“ auslösen. Und was das kategorische Verbot des dritten Eis an diesem Vormittag anrichtet. Wenn Freud ein echter Mann gewesen wäre, hätte er sich mit wirklichen Kindern befaßt und nicht mit Erwachsenen, die mal Kinder waren.

Krankenschwester Kleinere Operationen werden zuhause durchgeführt, Desinfektionsmittel, Pflaster und Verbände kaufe ich in Krankenhauspackungsgröße und unschuldige, gerade anwesende Bekannte/Geschwisterkinder werden zu medizinischem Hilfspersonal ausgebildet. Schwache Nerven gehören nicht in einen Haushalt mit Kindern.

Stilberaterin „Maaaaaamaaaaaaaaaa, was zieh ich an?“ „Kann ich die Sandalen anziehen – die Sonne scheint so schön auf den Schnee, es ist gar nicht kalt.“ Wer jeden Morgen zwei Kinder anzuziehen hat, den schockt nichts mehr.

Kreativlehrerin Basteln, mahlen, nähen, pricken, sorbische Ostereier fertigen, filzen, töpfern, aus Gras Osterhasen machen, Weihnachtsschmuck herstellen, Blumenvasen basteln, Tontöpfe bemalen – die Liste, was Kinder machen wollen ist schier unendlich. Und zwar egal, ob die Mutter Kreativelegasthenikerin ist oder nicht.

Eventmanagerin Ein verregneter Tag geht ja noch, zwei sind Gift für die Nerven. Da muß man sich was einfallen lassen. Und glaubt irgendwer, man könne 6jährige heute noch mit Topfschlagen und BlindeKuh auf einem Geburtstag länger als 10 Minuten beschäftigen? HAH! Träumerle!

Taxi Selbst hier im Dorf fahre ich mit Rad und Auto die Kinder von A nach B nach C. Und meist nicht nur meine Kinder, denn da man ja selbst auch mal eine Verschnaufspause braucht, hat man gleich eine ganze Horde wahlweise giggelnder Erstklässlerinnen oder ihre Manneskraft probende Dreijährige im Schlepptau. Gut für den Abbau überflüßiger Hör- und sonstiger Nerven.

Und ich schlage vor, die nächsten Politiker – hier gerne kinderlose Männer oder durch Abwesenheit glänzende Väter – die mir was von der mangelnden Bereitschaft des lebenslangen Lernens der Deutschen erzählen wollen, die lade ich einfach für einen Monat ein, mit mir zu tauschen. Und dann reden wir noch mal. Wenn sie dann noch reden können.

Published in: on 26. März 2010 at 08:15  Schreibe einen Kommentar  

Genauer die Möhren nie sprossen

Ich bin ja nicht wirklich festgelegt, was meine Arbeit angeht und mache (fast) alles, was anfällt und was Geld gibt. Und wie schon mal erwähnt, brauche ich immer mal wieder seltsame Programme und/oder Vorlagen. Diesmal hätte ich gerne eine Vorlage für ein Exposé gehabt.

Hab ich nicht gefunden.

Dafür aber ein Template für ein Gemüsebeet. Gut, ich weiß, es ist wieder Gartenzeit, aber ich finde, man kann alles irgendwann irgendwie übertreiben.

Den Autor hingegen wird das interessieren. Und ich sehe es kommen, daß er seinen Gemüsegarten am Computer plant, hegt und pflegt, während ich mein Exposé per Hand in die Erde einritzen muß.

Published in: on 23. März 2010 at 11:42  Schreibe einen Kommentar  

Zitat des Tages

Ja, ich weiß, die häufen sich in letzter Zeit, aber ich kann doch nichts dafür, wenn meine Kinder hier einen nach dem anderen raushauen.

Heute von Kind Nummer Zwei, als wir bei lieben Freunden beim Essen waren. Ganz stilecht gab es erst die Vorsuppe, dann einen Salat, dann Coq au vin. Zwischen den Gängen durften die Kinder spielen gehen. Als wir dann zum Hahn riefen, schlurfte mein Sohn heran, guckte Tisch und Essen an und fragte ungläubig

„Schon wieder essen?“

Ich sehe, meine Familie ist einfach nicht für feines Essen gemacht und ich habe noch viel, viel Arbeit vor mir.

Published in: on 20. März 2010 at 21:50  Schreibe einen Kommentar  

Zitat des Tages

Sollte der Autor je Zweifel an der Vaterschaft unserer Tochter gehabt haben, so sind sie spätestens seit heute abend pulverisiert.

Es begab sich zur Abendbrotzeit.

„Runter kommen. Essen ist fertig“ Mutter ruft zum Essen und da kommt man besser sofort.

„Jaaahaaaa, ich komme gleich. Ich muß nur noch eben abspeichern!“

Das ist der Satz, den ich vom Autor am häufigsten höre, wenn ich zum Essen klingele.

Aber eins muß man ihr lassen – sie speichert ihre Spiele schneller ab als ihr Herr Vater.

Published in: on 18. März 2010 at 18:58  Schreibe einen Kommentar  

Nicht für die Schokolade, für das Leben lernen wir

Kind Nummer Zwei ist gerade in einer schwierigen Phase. Er schwankt von kariesverursachendem zuckersüss zum Terrorblag erster Kategorie. Und zwar im Wechsel. Der wiederum innerhalb von Sekunden stattfinden kann.

Ich bin ja für sowas nicht gemacht und auch nicht dafür, meinem Kind immer und alles sofort zu vergeben. Dazu kommt nämlich die „Nein“-Phase. Egal was ich tue und mache – er ist erstmal auf Kontra gebürstet. Und zwar vom Aufstehen an. Plus die wiederum ganz normale Kleinkindeigenschaft alles anzufassen und auszuprobieren. Und dementsprechend in Einzelteile zu zerlegen.

Mit diesen Voraussetzungen ging ich also heute mit ihm in den Supermarkt – es ließ sich leider nicht verhindern. Nun wissen meine Kinder, wenn sie sich ordentlich betragen, dürfen sie sich eine Süssigkeit aussuchen. Und nein, das ist keine Bestechung, das ist lediglich eine sinnvolle Hilfe für das Kind, sich verflucht noch mal zusammen zu reißen seine Prioritäten zu überdenken. So auch heute. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als er die Smarties in der Hand hatte.

„Mama, kann ich die jetzt essen?“ Wann durftest Du das je, mein Kind?

„Nein, die müssen wir erst bezahlen.“ Zum 100.000 Mal.

„Kann ich dann im Auto eins essen?“ So, wie dieser Tag läuft…

„Ok, im Auto darfst Du dann EINEN!“ Und wende mich der Nervennahrung für den Autor zu. Bis ich irgendwann ein leises „Plopp“ höre und der Boden der Smartiespackung durchgebohrt ist – immerhin hält er das offene Ende nach oben.

„Sag mal, was soll denn das? Ich dachte, wir hätten uns drauf geeinigt, daß Du sie im Auto ißt. Ich bin sehr enttäuscht von Dir.“ Mutter hat ja gelernt, daß sie nicht „ganz doll traurig“ sein darf. Steht in jedem nicht gelesenen Erziehungsratgeber schon auf Seite 3.

Große Augen, trotziges Gesicht, tiefes Luftholen, lautes C-Dur

„Neeeeeiiiiin, Mama nicht täuscht sein! Ich bin ganz liiiiieeeeb. Nicht täuscht sein!!!“ natürlich durch den ganzen Laden. Die Leute schielen schon in die Süsswarenreihe. Kind guckt sich um, sieht das, schließt den Mund, legt den Kopf schief, die Augen werden noch größer, und haucht sehr laut hörbar

„Mama, ich bin doch sooooo lieb, Ich bin ganz lieb. Guck, ich halte die Marties doch nur!“ Plinker, plinker. „Ich darf die im Auto?“ Und behält mit den kleinen Fäusten die Rolle umklammert.

Konsequenz ist, wenn man dann hart bleibt, die Leute ignoriert, das dann folgende Brüllen des Kindes in den eigenen Ohren auf nicht existent schaltet und alles Schreien ignoriert. Diese Konsequenz war mir am Ende dieses Tages nicht mehr gegeben und ich gab nach. Aber ich tröste mich damit, daß mein Kind etwas gelernt hat, was mir damals mal ein wohlmeinender Chef nahe gelegt hat:

„Wenn Du Mist gebaut hast, dann sieh zu, wie Du ihn mit Charme und einem gekonnten Augenaufschlag wieder hinkriegst.“

Er ist einfach nur seiner Zeit voraus, mein Sohn.

Published in: on 16. März 2010 at 19:33  Schreibe einen Kommentar  

Das verflixte siebente Jahr!

Ich weiß, heute ist der 12te eines Montas und deswegen ist eigentlich 12 von 12 angesagt.

Aber heute ist auch der 12te März und da hat Kind Nummer Eins Geburtstag. Und irgendwie steht mir der Sinn nicht nach aneinander gereihten Bildern.

Wie an jedem Geburtstag der Kinder, folge ich einem bestimmten Ritual. Wenn die Kinder im Bett sind, der Tag gefeiert und der Kuchen gegessen ist, dann lehne ich mich zurück und denke an den Tag, an dem sie uns geschenkt wurden. An dieses unfaßbare Gefühl, daß ich hatte, als ich sie das erste Mal im Arm hatte. Diese „Ich kenn Dich zwar nicht, aber Du gehörst jetzt zu mir und ich tue alles für Dich“- Erkenntnis. Dieses neue, niemals zuvor erlebte Gefühl, jemanden auf eine ganz besondere Art und Weise zu lieben. Und dieses Wissen, daß das Leben ab jetzt ganz, ganz anders werden wird, weil man nicht mehr nur für sich verantwortlich ist.

Und es ist jetzt sieben Jahre her, daß ich all das zum ersten Mal erfuhr. Sieben Jahre – eine unfaßbar lange und doch so kurze Zeit. Und bevor ich jetzt total sentimental werde, nehme ich mir mein Glas Rotwein, setze mich vor den Kamin und freue mich, daß es Dich gibt.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, meine Maus!

Published in: on 12. März 2010 at 20:42  Schreibe einen Kommentar  

Quarantäne im Dorf

Wie ist das eigentlich, wenn in einem Haus mehr als eine Krankheit herrscht, kann man dann eine Quarantänestation einrichten oder muß ich das Haus teilen und zwei abteilen? Frei nach dem Motto, man kann auch Pest und Cholera kriegen?

Aber von vorne: In der Nacht von Montag auf Dienstag meinte meine schon genesende Tochter einen Rückfall zu bekommen. Und da ich kein sich die Seele aus dem Leib brechendes Kind in die Schule schicke, blieb sie daheim. Was ich dem Autor um kurz vor sieben per AIM mitteilte. Worauf er nur meinte, seine Kollegen hätten ihn soeben heimgeschickt, nachdem er die ersten knappe Stunde seiner Arbeitszeit auf dem Thron verbrachte.

Und so verbrachten sie beide den Tag im Bett – sehr nahe an der heimischen, stark frequentierten, für diesen Zweck für den Rest der Familie gesperrten Toilette, tranken Elektrolyhte und aßen Zwieback.
Derweil ich eine offenen Stelle im Gesicht mit Cortisonsalbe bekämpfte, was aber nicht half. Wesewegen ich dann heute erst zu meiner Hausärztin ging und die mich stantepedes zur Fachärztin überwies, die Impetigo contagiosa diagnostizierte, mir eine antibiotische Salbe und ansonsten Quarantäne verschrieb, da das Zeug böse ansteckend ist.

Daher schleppte sich der Autor nachmittags in die Verwahreinrichtung, holte Kind Nummer Zwei ab und schwenkte mit den Worten

„Rate doch mal, wer gerade im Kindergarten Durchfall bekommen hat?“

eine durchsichtige Plastiktüte, die das enthielt, was mal des Kindes Unterhose war.

Jo. Jetzt sitzen wir hier alle fest. Ich hätte dann bitte gerne mal einen ganzen Monat ohne Krankheit. Falls das nicht zuviel verlangt ist. Bitte.

Ach ja, und wenn jemand weiß, wie ich an Krankenhauspackungen Desinfektionszeugs in allen Formen komme, bitte eine kurze, nicht infizierte Mail an mich.

Published in: on 10. März 2010 at 18:25  Schreibe einen Kommentar  

Brot mit Schuß

Heute von Kind Nummer Eins, das in der Nacht von Freitag auf Samstag fremder Leuts Bett und Bad vollgebrochen hat. Sie bricht ja extrem selten, aber wenn, dann immer woanders. Ich bin nicht sicher, ob wir noch oft irgendwohin eingeladen werden.

Jedenfalls war sie Samstagmittag wieder soweit, daß sie meinte feste Nahrung zu sich nehmen zu wollen. Auf meine Frage, was es denn sein darf, meinte sie schwach

„Ich nehme ein Brot mit Magarita.“

Ein Schnappes soll ja bei Verdauungsproblemen helfen. Eine überzeugte Globoli-Schüssler-Heilpraktiker-Alternativ Mama wäre bestimmt ganz aus dem Häuschen geraten, ob der Tatsache, daß die Theorie stimmt, nach welcher Kinder sehr genau wissen, was sie jetzt gerade brauchen. Mein Kind hingegen bekam ein Brot mit sehr dünn Margarine (die hier sonst nur zum Kochen verwendet wird) vorgesetzt.

Aber was will man von mir anderes erwarten, ich glaube ja auch an Impfungen.

Published in: on 8. März 2010 at 07:49  Schreibe einen Kommentar  

Gender Revolution im Dorf

Als moderne Mutter kommt man ja um gender studies nicht herum. Und außerdem will man ja auch seinen Teil tun, damit die Welt ein klein wenig gleichberechtigter wird. Also darf mein Sohn auf seinen Wunsch hin zum Tanzen.

Da hab ich kein Problem mit. Tanzen ist gut für die Körperhaltung und Koordination, fördert das Rhythmus- und Körpergefühl. Womit ich haber ein erhebliches Problem habe, ist, daß er heute sehr freudestrahlend nach der Stunde zu mir rannte und rief

„Mama, ich will jetzt auch ein rosa Tanzkleidchen!“

Nein, mein Sohn, ich versuche Dir wirklich, wirklich alle Chancen dieser Welt zu bieten und Dir jeden nur erdenklichen Weg offen zu halten – aber ich stecke dann das Geld doch lieber in geschlechtstypischere Tanzkleidung denn auf das Konto des künftigen Therapeuten.

Published in: on 5. März 2010 at 21:36  Schreibe einen Kommentar