Die gedankliche Parade eines streng demokratischen Parteienjahrestreffens

Ok, Zeit für etwas mehr „Welt“ in meinem Blog.

Jemand gestern Fußball gesehen? Grandios, oder? Zwar mußte ich nebenher arbeiten, aber das Wichtigste hab ich mitbekommen. Dachte ich. Bis ich heute morgen meine Online-Zeitungen aufrief und endlich auch den Skandal mitbekam, den ich gestern abend leider verpasst habe.

Wobei ich bezweifle, daß ich den ungeheuerlichen Kommentar über den „inneren Reichsparteitag“ nicht mitbekommen habe. Ich habe eher den Verdacht, daß es für mich schlicht kein Skandal war, politisch unkorrektes Ding, das ich bin. Nicht nur, daß ich den Spruch schon vor Jahren von meinen garantiert nicht rechts stehenden, durchaus des Denkens fähigen Freunden gehört habe – ich hab ihn sogar selbst schon genutzt. SchockschwereNot! Und als gutes Kind der ewigbetroffenen Generation bin ich nicht gerade sorglos in meiner Wortwahl, was dieses spezielle Thema angeht.

Aber allein – der Aufschrei geht quer durch Gazetten, Blogs und twitter, das ZDF distanziert sich mal wacker von seiner Angestellten und die linksliberale Elite (oder was sich dafür hält) wirft uns allen, die wir partout keine braune Entgleisung sehen wollen, einen unreflektierten Umgang mit unserer Geschichte vor.

Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Unreflektiert. Wir. Sorglos vielleicht, anders als man es vielleicht meinen könnte, mit Sicherheit aber nicht unreflektiert.

Meine Erfahrung mit nicht deutschen Freunden ist eher, daß unser Umgang mit der mittlerweile gar nicht mehr so jungen Geschichte in der Welt gemeinhin als vorbildlich gesehen wird. Seht her, die Deutschen. Sie haben richtig viel Dreck am Stecken, aber sie gehen hin und lehren ihren Kindern, daß es falsch war. Sie entschuldigen sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Und sie versuchen die Opfer so gut es geht zu entschädigen. Das ist mehr, als andere Länder tun.

Wie bitte? Andere Länder? Die haben genau was gemacht? Und genau da darf man uns getrost Sorglosigkeit mit der Weltgeschichte vorwerfen. Es mußte erst ein nicht-deutscher Mann herkommen und mir vom Massaker von Nanking erzählen – und das ein Deutscher (John Rabe? Wer ist John Rabe?) dort als Nationalheld gefeiert wird. Bis heute werden die Taten dort dementiert. Und in den deutschen Schulen wird nicht gelehrt, daß es in den USA während des Zweiten Weltkrieges Internierungslager für japanischstämmige Bürger in den USA gab. Eine offizielle Entschuldigung sowie eine Entschädigung an noch lebende Internierte gab es erst im Jahre 1992. Wovon im übrigen die meisten Opfer der russischen Gulags noch träumen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Das ist keine absolut unzulässige Aufrechnung von Unrecht, sondern dokumentiert die Sorglosigkeit unserer deutschen Geschichtslehre. Wäre man bösartig, könnte man uns gar deutsche Ignoranz vorwerfen. In den Schulen wird im Zusammenhang mit den Jahren 1933 – 1945 grundsätzlich nur über den enormen deutschen Anteil der Schuld geredet, der nicht oft und eindringlich genug gelehrt werden kann. Aber da darf nicht Schluss sein. Es gab eben auch noch die anderen.

Und wenn Unrecht, das andere begangen haben, hier keiner weiß, dann wird rechten deutschen Demagogen Tür und Tor geöffnet. Denn als Normalsterblicher kann man erstmal nicht kontern, weil man schlicht keine Ahung hat, da im kollektiven deutschen Wissen um den Zweite Weltkrieg die Greultaten anderer Nationen schlicht nicht existieren. Ein gefundenes Fressen für jeden rechten Menschenfänger und dessen Argumentation. Darüber kann man sich getrost aufregen, finde ich.

Und über die Miesepetrigkeit von gewissen „IchbingegenalleswasSpaßmacht“-Leuten, die hinter jeder deutschen Fahne gleich ein neues 1000jähriges Reich wittern und einem damit alles vergällen können.

Aber immerhin, ich bin nicht allein. Das gibt doch Hoffnung.

Drum stimme ich mit Herrn Raab und Frau Meyer-Landrut ein fröhliches Liedchen an und singe einfach gegen die Ewiggestrigen der anderen Art an

„Ich liebe deutsche Land!“

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Published in: on 14. Juni 2010 at 08:45  Schreibe einen Kommentar  

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