Lieber Idiot,

der Du meintest, die kleine, amerikanische Flagge an unserem Auto ankokeln zu müssen.

Kannst Du Dir vorstellen, wie man sich als Mutter fühlt, wenn man zu seinem Auto kommt und an der angesengten Fahne vorbei direkt in die Kindersitze schaut? Dass man anfängt, sich Sorgen zu machen, was mit den dazugehörigen Kinder passiert wäre, wenn sie zufällig im Auto gesessen hätten? Dass man sich plötzlich mehr als unsicher fühlt, wenn man in der Bahn mit den Kindern englisch redet? Ist es das, was Du wolltest? Damit zu zeigen, wie scheiße doch die Amis sind und daß Du meine Kinder und meinen Mann in diesem Land nicht willst?

Oder war es eher ein generelles Statement, daß Du die amerikanische Weltpolitik, ihren Kulturimperialismus und generellen Habitus kritisierst und deswegen ein Zeichen setzen wolltest? Ich bin sicher, die amerikanische Regierung ist schwer beeindruckt davon, daß Du an den äußersten Randbezirken von Berlin ihre Fahne geschändet hast. Es wird die Welt verändern.

Vielleicht war es aber auch nur schlichte Dummheit, gepaart mit einer kruden Art von Nationalismus und irgendwie aber doch linkem Denken, daß die Amis an allem schuld sind und deswegen der Ausdruck ihres Tuns – hier die Flagge – an einem deutschen Auto nicht neben einer deutschen Flagge zu wehen hat.

Ich weiß nicht, welchen Beweggrund Du gehabt haben magst. Es interessiert mich auch nicht wirklich. Ich weiß nur, daß eine solche Aktion eine diffuse Angst um meine Kinder und meinen Mann hinterläßt. Falls es das ist, was Du wolltest – Mission accomplished.

Aber eigentlich glaube ich gar nicht, daß Du damit irgendwas sagen wolltest. Eigentlich glaube ich, daß Du es total cool fandest, auch mal eine Ami-Flagge anzuzünden. Sieht ja im Fernsehen immer sehr spektakulär aus. Aber wie das so ist, im wahren Leben geht alles nicht immer so, wie es im Fernsehen gezeigt wird. Ich mach Dir einen Vorschlag, Du machst einen schönen, ruhigen Urlaub im nahen Osten – der Iran soll um diese Jahreszeit sehr schön, wenn auch etwas warm sein – und machst den Kurs „Flaggen der Welt anzünden leichtgemacht“ mit. Da lernst Du dann auch noch ein paar nette Liedchen und eingängige Parolen. Und wenn Du dann wiederkommst, dann bist Du vielleicht in der Lage, die nach deutschen Brandschutzbedingungen in Deutschland hergestellten amerikanischen Flaggen ordentlich anzuzünden und es nicht nach einem jämmerlichen Versuch abzubrechen.

Da fragt man sich langsam echt, wo es mit diesem Land hingehen soll, wenn sogar die Chaoten zu blöd sind, die einfachsten Übungen aus dem Handbuch „Wie hasse ich Ausländer/Kulturimperialisten/jedendermiraufdenSackgeht richtig“ auszuführen.

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Published in: on 24. Juni 2010 at 07:27  Schreibe einen Kommentar  

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