Flaggengeschichten, die zweite

Also, mit so einer Flagge kann man ja Dinge erleben, die man sonst eher nicht erlebt.

Heute zum Beispiel waren wir auf einen 40ten Geburtstag auf das ehemalige Tempelhofer Flugfeld geladen. Sehr schön dort übrigens, ich war überrascht, wie entspannt man dort mit den Kindern feiern kann.

Um aber dorthin zu kommen, mußte ich durch Neukölln und Kreuzberg und da fand heute der Transgeniale CSD statt. Das sind die Leute, denen der offizielle CSD zu normal, zu mainstreammäßig, zu unpolitisch und – natürlich – zu kommerziell ist. Und zu flaggenbelastet, wie ich gerade von ihrer Webseite erfuhr – denn zur Abschlußkundgebung verbitten sie sich irgendwie geartete Flaggen. Soweit so gut.

Das erste, was ich sah, waren viele, viele Polizeimannschaftswagen, dann einzelne Zugwagen und dann Plakate wie „Freiheit allen Palästinensern“. Und dann kam die rote Ampel. Als ich wartete, fühlte ich Blicke auf mir und dem Auto. Und zwar von Demonstranten *und* Polizisten. Ungläubig von Ersteren ob meiner Dreistheit, Letztere schüttelten den Kopf aufgrund meiner offensichtlichen Unvorsichtigkeit. Denn immer noch weht meine angekokelte amerikanische Flagge sehr gut sichtbar neben meiner unversehrten deutschen.

Und gerade in dem Moment, in dem ich das realisiere, stürmt eine sehr schwarz gekleidete Demonstrantin vor und läßt sich direkt vor mir auf den Bordstein des Mittelgrünstreifens fallen. Dann holte sie aus ihrem grünen Armeerucksack mit den unvermeidlichen Buttons ihren kleinen ziselierten Taschenspiegel, prüfte ihr Make-up und zog sich die Lippen nach. Also sind auch anarchistische, nicht heteronormative Antifa-Aktivist_innen nicht mehr das, was sie mal waren. Da macht doch das Schubladendenken keinen Spaß mehr, menno!

Dann sprang die Ampel auf grün und ich machte, daß ich weg kam, bevor noch irgendjemand auf die Idee kam, das Flaggenverbot auf umherfahrende brandenburgische Autos auszudehnen und jenes sofort umzusetzen. Und fragte mich, ob es mittlerweile fair gehandelte Lippenstifte gibt, für die keine Lipide einen gewaltsamen Tod sterben müssen.

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Published in: on 26. Juni 2010 at 21:26  Schreibe einen Kommentar  

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