Ein Männlein steht im Kinderzimmer

Nach der reinen Lehre darf man ja keine Bestrafungen mehr ausetzen. Die heißen jetzt Konsequenzen und sind je nach pädagogischer Ausrichtung mehr oder minder beliebt. Nach den Fehlern, die man mit meiner Generation gemacht hat, hat man gemerkt, daß das völlige Fehlen von Grenzsetzung auch nicht der Heilige Gral ist.

Als Gegenpart zu den Konsequenzen sind die Belohnungen zu sehen. Die sollten kein Problem sein, denkt sich so ein normaler Mensch ohne Kinder. Weit gefehlt. Denn, so alternative Kinderrechtler, Belohnungen sind nichts anderes als Bestechungen und lehren die Kinder frühzeitig, daß sie Dinge (und Liebe) nur bei Wohlverhalten bekommen, womit sich die Spirale der imperialistischen und kapitalistischen Leistungsgesellschaft schon in der Wiege fortsetzt. So ändert sich diese Gesellschaft nie.

Das mag stimmen.

Andererseits frage ich mich, was man tun soll, wenn das dreijährige Kind ganz offensichtlich totmüde ist und sich aber standhaft weigert zu schlafen. Und zwar so lautstark und so raumfordernd, daß die gesamte obere Etage sein eigen ist. Was wiederum die Mutter vom Arbeiten und die Tochter, die schlafen will, von ihrer wohlverdienten Ruhe abhält. Konsequenzen bringen da erfahrungsgemäß nicht viel – denn bis morgen hat er alles vergessen und ich habe Theater, wenn ich sie durchsetzen will. Außerdem berührt das zuviele andere Leben – Freundesbesuchentzug zum Beispiel ist ein zwar sehr effektives Mittel, das aber nur extremst sparsam angewendet werden kann. Denn erfahrungsgemäß sind die anderen Eltern auch froh, wenn die Brut mal aus dem Haus ist und nutzen die Zeit für wichtige, entspannende Dinge wie Arztbesuche oder Überstunden.

Also bleibt die Belohnung. Und da bin ich sehr froh, daß der beste Erzieher der Welt das „Männlein“ erfunden hat. Wenn also die Kinder beim Schlafengehen in der Kita brav sind, sich selbst umziehen, gut die Zähneputzen und so fort, dann bekommen sie nach der Mittagsruhe ein Strichmännchen auf den Finger gemalt. Der totale Erfolg.

„Maaaaaamaaaaaa, ich hab heute ein Männlein bekommen!“ ist das erste, was ich nach einem erfolgreichen Tag am Tor zu hören bekomme.

Und was funktioniert wird übernommen. Gestern ist mein Sohn das erste Mal seit Wochen ruhig und ohne großes Getue eingeschlafen. Heute morgen forderte er dann sein wohlverdientes Männlein – denn *das* hat er behalten, im Gegensatz zu Konsequenzen. Ja, ich blicke jetzt rosiger in die abendliche Zukunft.

Ich hoffe, die Welt wird mir verzeihen, daß auch ich so ein leistungsorientiertes, materialistisches und manipulierbares Kind großziehe. Und wer genau das verurteilt – mein Angebot steht, meinen Sohn gerne mal für zwei Wochen oder so auszuleihen, um einen dringend notwendigen Ausflug in die Realität des Kinderhabens zu bekommen.

Advertisements
Published in: on 7. Juli 2010 at 07:03  Schreibe einen Kommentar  

The URI to TrackBack this entry is: https://possumswelt.wordpress.com/2010/07/07/ein-mannlein-steht-im-kinderzimmer/trackback/

%d Bloggern gefällt das: