Ein Mohr im Dorfe

Es gibt Situationen, da überlegt man sich schon, wie das jetzt wohl von aussen aussieht. Gestern morgen war so eine.

Es hat ausnahmsweise mal 30 Minuten nicht geregnet und ich wollte Kind Nummer Zwei die Gelegenheit geben, zumindest etwas von seiner angestauten Energie auf den 500 Metern bis zum Kindergarten abzubauen, indem wir zu Fuß gehen. Das Kind sah das anders. Es wollte mit dem Auto fahren, weil da, wie ich im Nachhinein erfuhr, sein geheimer Süssigkeitenvorrat vom Vortag drin war.

„Mama, wir fahren mit dem Auto.“ Sprach´s und ging schon mal an die hintere Tür.

„Nein, Schatz, schau es regnet nicht und ich möchte zu Fuß gehen.“ Mutter hat derweil schon das Gartentor in der Hand.

„Nein, Auto fahrn. Ich will Auto.“ Kind rührt sich keinen Zentimeter.

„Ich nicht und ich hab den Schlüssel, ich hab gewonnen. Also komm.“ Mutter gibt die Autoritäre und tritt durch das Gartentor. Böser Fehler. Die Sirene geht an.

„IwiabbbaaaaAuuuuuuuutoooooo!“ Diesen Satz konnte man ab diesem Zeitpunkt auf 500m alle 50cm hören. In variierender Lautstärke. Und wie ich also rief

„Ich geh dann schon mal vor!“, was dankenswerterweise bei meinem Sohn zwar einerseits eine Wutanfallsteigerung, aber andererseits wenigstens Bewegung in die richtige Richtung bedeutet, kam mir ein Artikel von Herrn Mohr in den Sinn, den ich unlängst gelesen habe. Was genau würde dieser Mann jetzt denken und damit auch schreiben, wenn er sich aus Versehen aus seinem städtischen Biotop in unser Dorf verirren würde? Außer, dass er über die sehr deutschen Vorgärten und die fast ganz sauberen, wenn auch holprigen Straßen bösartige Bemerkungen machen würde.

Ich bin zwar keine Prenzlberg-Mutter, deren Gattung nun wirklich über Berlins Grenzen hinaus bekannt sind, aber ich bin sicher, auch mich und meine Brut würde er als Zumutung für jeden normalen Menschen (lies: Kinderlose oder gerade nicht Kleinkinderbesitzer) empfinden und mir gnadenlos mütterliches Komplettversagen attestieren. Von Ablenken über Ignorieren über Stehenlassen und mich selbst zum Affen machen – ich hatte vor dem zweiten Kaffee gestern alles durch um das Kind einigermaßen in einem Stück in der Verwahranstalt abliefern zu können.

Dort angekommen gab ein mitleidiger Vater dem immer noch in lauten Tönen

„IwiaaabbbaaaaAuuuuuutoooo!“ brüllenden Kind ein Kaubonbon, untergrub damit meine Autorität, aber das Kind war von jetzt auf gleich still. Was natürlich Inkonsequenz hoch fünf ist und damit auch nicht Herrn Mohrs Wohlwollen erlangen würde. Meins im Übrigen auch nicht, aber manchmal nimmt man für die Erhaltung seiner und anderer Leute Hörkraft eben erzieherische Rückschläge hin.

Es stellt sich natürlich hier die Frage, was genau man denn machen soll, wenn der Trotz zuschlägt, man sich aber blöderweise nicht zuhause befindet oder aber von a nach b muss. Die Antwort bleibt er leider schuldig. Aber das ist ja auch nicht seine Aufgabe. Man kann schließlich nicht meckern und auch noch qualitativ hochwertige Lösungsvorschläge parat haben. Das geht nun wirklich nicht.

Oder anders ausgedrückt. Manchmal sollte man auch als Journalist einfach mal die Klappe halten, wenn man von irgendwas keine Ahnung hat. Auch wenn der innere Dreijährige

„Iwiaaabbbbaaaaaschreiiiiiiibbbbnnnn!“ schreit.

Published in: on 31. August 2010 at 08:51  Schreibe einen Kommentar  

Ich weiß es, aber ich sags Euch nicht

Es ist ja nicht, daß unsere jeweiligen Landesregierungen nichts aus PISA gelernt haben. Es gibt seit ein paar Jahren Schulvisitationen der jeweiligen obersten Schulbehörde, die die einzelnen Schulen nach bestimmten Kriterien prüfen. Eine gute Sache, finde ich, denn dann steht man als Eltern nicht mir wie Ochs vor dem Berg und ist total verwirrt, welche Schule denn jetzt für das Kind die Beste ist.

Nun ist Kind Nummer Eins ja letztes Jahr bekanntlich eingeschult worden, aber der Mensch strebt ja bekanntlich danach, schon mal getroffene Entscheidungen nachträglich als richtig bestätigen zu lassen. Und so wollte ich diesen Bericht haben, der dieses Jahr von unserer Schule gemacht wurde.

Geht nicht. Geheim.

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Mitnichten, der Bericht der obersten Schulbehörde ist rein vertraulich und die Schule selbst kann entscheiden, ob und was sie davon öffentlich zugänglich macht.

Was soll denn das bitte?

Ja, wir prüfen die Qualität, aber wir geben den Bericht nicht an die „Endverbraucher“ weiter. Natürlich gibt es Berichte und/oder Teilberichte, die öffentlich sind – die sind dann von Schulen freigegeben worden, die überall über das Klassenziel mindestens erreicht haben, um mal im Bild zu bleiben. Die anderen hüllen sich erwartungsgemäß in Schweigen.

Mir ist klar, daß es für eine Schule unangehm ist, wenn ihre Schwächen aufgedeckt werden und sie zugeben muß, daß es Dinge gibt, an denen noch gearbeitet werden muß. Die Frage ist nur – was wiegt mehr? Eine Schule, die dann endlich mal bitte in die Puschen kommen muß oder Eltern, die ihre Kinder nicht auf blauen Dunst hin in eine Schule geben müssen sondern wirklich abwägen können, welche Bildungseinrichtung für ihr Kind die Beste ist.

So aber ist man weiterhin auf Gerüchte und sehr subjektive Erfahrungen anderer Eltern angewiesen. Und ob das den einzelnen Schulen hilft wage ich sehr zu bezweifeln.

Published in: on 28. August 2010 at 08:45  Schreibe einen Kommentar  

Eine Frage der Generation

Gestern abend beim Abendessen. Kind Nummer Eins streicht sich den Apfelmus auf den Eierkuchen (im Rest der Republik auch Pfannkuchen genannt) und zwar so umständlich, daß der Autor korrigierend eingreifen will. Aber nicht mit einer fast erwachsenen 7jährigen

„Daddy, lass mich. Meine Generation macht das eben so!“

Eben, Daddy. Pfannkuchenbestreichmoden ändern sich eben ab und an mal.

Published in: on 24. August 2010 at 06:38  Schreibe einen Kommentar  

Fakt des Tages

Morgen fängt die Schule wieder an.

Gott. Sei. Dank.

Published in: on 22. August 2010 at 21:45  Schreibe einen Kommentar  

Zitat des Tages

Wir lassen ja auch kein Klischee aus. So gar keines.

Ich war heute mit Kind Nummer Eins am Potsdamer Platz. Der Autor hat mir zum Hochzeitstag eine Kette geschenkt, die nicht so ganz meinen Geschmack traf und so wollte ich sie gegen ein anderes Stück tauschen. Soviel Schmuck hat meine Tochter, die manchmal ein echtes Mädchen ist, umgehauen. Und natürlich wollte sie auch.

Ich habe ihr dann erklärt, daß es mein Hochzeitstagsgeschenk ist und ich mir was aussuchen darf. Worauf sie meinte, dann würde sie eben auch heiraten. So weit, so gut.

Nachdem ich mir also ein schönes Stück ausgesucht hatte, war noch etwas Geld übrig, so dass ich ihr doch noch ihre Wunschkette kaufen konnte. Worauf sie stolz und voller Inbrunst in dem vollen Laden verkündete

„Ach, ich bin ja so glücklich. Jetzt hat mein Daddy mir auch was zu unserem Hochzeitstag geschenkt!“

Kleine Mädchen und ihre Väter. Ich hab immer nur Fußbälle bekommen.

Published in: on 19. August 2010 at 14:41  Schreibe einen Kommentar  

Mütterlicher Egoismus und blutende Füße

Manchmal, manchmal möchte ich die obere Etage einfach zumauern und nach 4 Jahren mal gucken, wie es da oben aussieht.

Eben gerade, beide Kinder haben mütterliche Order bekommen aufzuräumen. Und erst nach 3 Minuten großes Geschrei.

„Maaaaaaaamaaaaa, der hat soooooooooooo gemacht. Auuuuuaaaaaaa!!!“

Kind Nummer Eins hält sich das Ohr, genaue Rekonstruktion der Geschehnisse nicht mehr möglich.

„Sohn, hast Du Tochter wehgetan!“ Warnender Mutterton on.

„Ja, ich wollte das haben.“ Mit Fingerzeig auf die Taschenlampe.

„Mir egal, hast Du oder hast Du nicht?“ Mutter kann ja so uneinsichtig ob guter Gründe sein.

„Ja!“ Arme verschränken sich, die Unterlippe schiebt sich vor, die Augen gehen auf halb acht.

„Entschuldigst Du Dich?“ Als ob ich die Antwort nicht schon wüßte.

„Nein!“ Immerhin zeigt das Kind eine gewisse Konsequenz – es sind die kleinen Dinge im Leben, über die man sich freuen sollte.

Was eine Denkpause in seinem Zimmer zur Folge hatte. Nach der er raus kam, es oben Gewisper gab und die beiden irgendwas spielten. Und dieses Spiel hieß nicht Zimmeraufräumen. Und nach nur 4 Minuten wieder Geschrei. Also das Ganze noch mal von vorn. Ich bin ja nix, wenn nicht leidensfähig.

Im Moment schwillt das Wutgebrüll im Denkpausenzimmer wieder an. Ich bin ja so ein reaktionäre und hinterwäldlerische Mutter, daß ich den Anspruch habe, auch im Privatbereich meiner Kinder den Teppich sehen zu wollen und mir im nicht unwahrscheinlichen Falle eines nächtlichen Alptraumes im Dunkeln nicht irgendwelche Legoteile in den Fuß zu rammen.

Ich egositisches Ding, ich.

Published in: on 16. August 2010 at 16:58  Schreibe einen Kommentar  

Zitat des Tages

Kommt von Kind Nummer Zwei, das sich im Moment weigert, weigert und immer noch weigert einzuschlafen. Beste Ausrede derzeit

„Mama, ich kann nicht schlafen, die Dunkelheit weckt mich immer auf!“

Ich sehe düstere Zeiten ab Oktober auf uns zukommen.

Published in: on 12. August 2010 at 17:54  Schreibe einen Kommentar  

Und Reisen bildet doch

Gestern erklärte meine Tochter ihrer Freundin die Weltliteratur.

„Weißt Du, in Schottland, da waren wir in einem Schloß. Und da hat sich folgendes zugetragen (sie sagte wirklich zugetragen): Ein Mann, ein Mister oder so, wollte König werden. Und dafür mußte er den König ermorden. Und eine Hexe hat ihm gesagt, daß könne er ruhig machen, weil nämlich er von niemandem umgebracht werden könnte, der von einer Frau geboren wurde. Und deswegen hat er dann den König umgebracht und wurde selbst einer. Und seine Frau hat ihm dabei geholfen. Und die hat danach dann immer gedacht, sie hätte immer Blut an den Händen, obwohl sie das gar nicht hat und deswegen ist nach ihr auch eine Krankheit benannt worden. Mama, Mama wie hieß noch mal die Händewaschlady?“

Mutter kriegt kaum noch Luft vor verbissenem Lachen.

„Die hieß Lady MacBeth.“

„Also, wenn man sich immer die Händewaschen muß, dann heißt das Lady MacBeth Krankheit. Jedenfalls kam dann der eine andere Mann und deeeeeeerrrr (dramatische Pause), also der kam nämlich mit einem Kaiserschnitt zur Welt und gar nicht von seiner Mutter so richtig und deswegen konnte er dann den bösen MacBeth töten und wurde dann auch König.“

Kurze andächtige Pause.

„Und weißt Du, iiiiiiich und mein Bruder, wir sind auch mit einem Kaiserschnitt aus Mama geholt worden. Wir, also wir, wir könnten auch die Bösen töten und würden dann König werden. Wollen wir aber nicht. Also mein Bruder und ich.“

Hätte ich damals schon MacBeth gelesen, dann hätte ich den Prenzlauer Berg Müttern, die mich damals so vorwurfsvoll bis mitleidig ob meines geplanten Kaiserschnitts angeschaut haben, ganz andere Antworten geben können.

Published in: on 10. August 2010 at 11:09  Schreibe einen Kommentar  

Hits und Awards

Als ich heute gegen abend noch mal kurz ins Blog gegangen bin, habe ich mich fast an meinem Minze-Zitronenmelisse-Tee aus dem Garten verschluckt, als ich meine Hits für gestern und heute gesehen habe. Und bei der Verfolgung der Links bin ich hierauf und darauf gestossen.

Vielen lieben Dank, Frau Britt und Frau Kapunkt! Ich hab mich wirklich sehr gefreut!

Published in: on 7. August 2010 at 20:08  Schreibe einen Kommentar  

Zitat des Tages

Ich hatte meiner Tochter ja in Schottland eine Nacht im Schloss versprochen. Die war auch sehr nett, allerdings war das Frühstück eher übersichtlich. Vor allem, wenn man den Tag davor das genialste Frühstück der Highlands bekommen hatte.

Jedenfalls sassen wir im Auto Richtung Loch Ness und der Autor und ich sprachen über das doch etwas enttäuschende Morgenmahl in den alten Burgmauern. Worauf von hinten Kind Nummer Eins tönte:

„Ach Mama, das Schloss war nun mal Luxus und von Luxus wird man eben nicht satt!“

Erwähnte ich, daß dieses Kind seines Vaters Tochter ist?

Published in: on 6. August 2010 at 09:46  Schreibe einen Kommentar