Es ist nur eine Phase – leider

Mütter sind ja gerne mal notorische Meckerer. Sie tun gerne kund, in welch schwieriger Phase ihre Kinder gerade sind, bedauern sich selbst und beten sich gegenseitig das Müttermantra vor.

Weniger häufig bekommt man zu hören, daß das Kind gerade unglaublich gut drauf ist. Wahrscheinlich um keine bösen Geister heraufzubeschwören, denke ich mal. Und auch, um vor anderen Müttern nicht als Angeberin dazustehen, man lobt seine Brut nicht über den grünen Klee, das macht man einfach nicht, irgendwie.

Da ich mich noch nie drum geschert habe, was man tut und was nicht, mache ich es heute aber doch, denn beide Kinder waren trotz des verregneten Wochenendes durchaus erträglich. Und als Kind Nummer Eins ohne zu Murren in die unwirtliche Welt zur Schule hinaus mußte, nahm sich Kind Nummer Zwei sein Spielzeug und ließ Mutter in Ruhe ihre Mail lesen und dabei den Kaffee trinken. Und zwar ohne alle zwei Minuten Kakao, Brot, Apfel, Caaaaaaaaaaaaaaaaaaaandy zu wollen. Und als dann noch das Telefon ging, setzte er sich auf die Couch, nahm Schwesterleins Comic und las darin. 45 Minuten lang. Ruhig.

Als ich auflegte und gerade ob dieser Ungewöhnlichkeit sorgenvoll Fieber bei ihm messen wollte, legte er den Kopf schief, machte große Augen und fragte

„Mama, bin ich liiiiieeeb?“ was ich natürlich bejahte. Und darauf wartete, daß er jetzt eine irgendwie geartete Belohnung wollte. Und tatsächlich ging der Mund wieder auf

„Mama, ich bin heute den ganzen Tag lieb. Was kann ich anziehen?“ Und so zog er sich an, putzte die Zähne, sprang fröhlich ins Auto und hüpfte in den Kindergarten. In dem man mich am Nachmittag fragte, welche Drogen ich dem Kind gegeben hätte, so ein freundliches Kind über Stunden hätte man selten gesehen und wo man besagtes Zeug bitte kistenweise ordern könnte.

Währendessen er sich alleine wieder anzog und meinte, man könne dann jetzt zum Friseur gehen. Wo er wiederum flugs auf den Stuhl kletterte, auf ein Bild tippte, wie er die Haare gerne hätte und erwartungsvoll in den Spiegel blickte. Auf die Frage, ob er denn etwas trinken wolle kam ein

„Oh, ja, bitte“ und ein „Oh vielen Dank!“ als der Saft vor ihm stand. Der gesamte Salon stand für einen Moment still und aus dem Off kam von einer dauergewellten Dame die ungläubige Frage

„Wie alt ist dieses Kind? Ist der immer so? Kann ich bitte meinen Enkel bei Ihnen in die Erziehung geben?“

Ich wartete ja quasi sekundlich auf einen längst überfälligen Ausraster – allein, er kam nicht. Der Tag ging so weiter. Bis zum Schlafen gehen. Einschließlich.

Gut, es ist unheimlich, aber ich sowas muß auch mal gesagt werden. Und dokumentiert. Damit ich mich an diesen Tag erinnere und mir diese Zeilen zur Ermutigung durchlesen kann, wenn die Komplementärphase wieder eintritt und ich verzweifelt nach Adressen für eine Militärakademie suche, die Dreijährige aufnimmt.

Und die Phase kommt bestimmt.

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Published in: on 27. September 2010 at 21:43  Schreibe einen Kommentar  

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