Dr. Brinkmann, bitte übernehmen Sie

So ein Blog macht ja nicht nur beim Schreiben Arbeit, man wird ja auch immer wieder dazu verführt, bei anderen Bloggern reinzuschauen. Und eventuell auch einen Kommentar zu hinterlassen, wenn man mich dann läßt. Ich autoritäres Ding lasse ja keinen zu, ich weiß schon warum. Und dann kann es passieren, daß man einen Gegenkommentar bekommt, auf den man dann wieder antwortet und weil man feststellt, dass es ein gutes Thema ist, verfaßt man gleich einen eigenen Eintrag und schwupps, ist schon wieder ein halber Tag weg.

So geschehen heute beim kinderdoc zur übergeordneten Frage: Sind Ärzte Dienstleister und darf man sie nach Belieben wechseln oder gibt es da doch eine besondere Beziehung?

Wenn man die 40 überschritten hat – wenn ich schon steinalt bin, dann kann mir mein Alter auch gerne mal als Argument herhalten, das ist nur gerecht finde ich – dann hat man gemeinhin schon ein paar Ärzte am eigenen Leibe erlebt. Wenn man dann noch einen Autor hat, der im früheren Leben mal Arzt war, hilft das. Dann die beiden Kinder, die in schöner Regelmäßigkeit zu Docs und Notfallambulanzen müssen. Plus eine krebstote Mutter. Und wenn man das dann noch mit diabetisamputierten Großvater, eine kreuzversteifte Großmutter, einen rhythmusgestörten Vater und mehrere krebsbefallene Verwandte dazu addiert, dann hat man ein einige Ärzte durch. Vor allem dann, wenn man aufgrund der Einheirat in den Ärztestand quasi als Vermittler und Übersetzer von Diagnosen angesehen wird.

Und aufgrund dieser Erfahrung habe ich eine sehr schockierende Erkenntnis bekommen: Ärzte sind auch nur Menschen. Sie haben gute und schlechte Tage. Sie sind brillant und unglaublich gut oder aber mittelmäßig bis schlecht. Sie haben ein Händchen für Menschen und damit Patienten oder sie wollen eigentlich lieber in Ruhe gelassen werden. Aber sie alle sind vor allem eins nicht – unfehlbar. Wie niemand auf dieser Welt. Und wenn ich der Meinung bin, ich bin bei einem Arzt nicht mehr gut aufgehoben, dann suche ich mir einen anderen – denn dann ist von meiner Seite auch das vielgepriesene Arzt-Patienten-Verhältnis gestört. Und ich vertraue keinem Menschen mein oder der Kinder kostbarstes Gut an, wenn ich der Meinung bin, daß derjenige nicht sein Bestes gibt.

Das meine fast an die 90 Lenze zählenden Großeltern nicht mehr den Arzt wechseln würden (wobei sie GöttinseiDank einen Hausarzt der alten Schule erwischt haben), ist klar. Alleine das Durchlesen ihrer Krankengeschichte würde einen neuen Arzt einen gesamten Arbeitstag kosten und ändern könnte er wahrscheinlich auch nichts. Und mit Sicherheit würde ich auch keine Praxis wechseln, nur weil sie exorbitante Wartezeiten haben, wenn der Rest einfach stimmt. Oder wenn er mir unbequeme Wahrheiten wie den Zusammenhang zwischen mangelnder Bewegung, Ballaststoffen und einer eventuellen Verstopfung erklärt, anstatt mir ein Abführmittel zu verschreiben.

Aber ich denke, ich bin es mir und meinen Kinder schuldig, daß ich für uns die beste medizinische Versorgung im Falle eines Falles bekomme, die ich bekommen kann. Und sollte ein Arzt dazu nicht in der Lage sein, dann hat er mich als Kunden/Patienten verloren. Genausowenig wie ich einen Schlächter an meine Kinder lasse oder mich von einem unglaublich arroganten HalbGottinWeiß, der ein halbes Jahrhundert zu spät praktiziert, anschnauzen lasse. Die Zeiten, in denen man dem „Herrn Dokta“ alles vorbehaltlos geglaubt hat – die sind vorbei. In den USA ist üblich, dass man sich eine zweite Meinung einholt. Hier hingegen wird man als Querulant und Googlebesserwisser gerne noch mißtrauisch beäugt.

Sicherlich, ich muß meinem Arzt vertrauen können, wir müssen ein gutes Verhältnis zueinander haben, aber vertrauen muß ich meinem Heizungsfachmann auch, dass mir nicht die Heizungsanlage um die Ohren fliegt. Und meinem Automechaniker, dass er meine Reifenschrauben alle wieder fest anzieht und ich nicht auf der Autobahn bei 130 mit drei Rädern da stehe.

Von daher ist das mit dem Arzt-Patienten-Verhältnis so eine Sache. Eigentlich will ich nur, daß er hilft, wenn ich krank bin. Meine Lebensgeschichte erzähle ich den Leuten, die meinen Blog lesen. Die werden dafür zwar auch nicht bezahlt, tun sich meine Stories aber wenigstens freiwillig an.

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Published in: on 20. Oktober 2010 at 19:39  Schreibe einen Kommentar  

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