Dornröschens geteilte Hecke

Mal wieder was aus der Rubrik „Was sich Kinderlose nicht vorstellen können/wollen“. Gestern war Kindergartenweihnachtsfeier von Kind Nummer Zwei. Seitdem Kind Nummer Eins in eine Verwahranstalt geht, machen wir das mit – logischerweise. Und man *hat* da aufzulaufen, es sei denn man will schon im Kindesalter anfangen, für die Therapierechnungen der Kinder zu sparen, weil sie sich dann dereinst ungeliebt und ungewollt fühlen, weil man es im Dezember vor 23 Jahren leider nicht geschafft hat, zur Uraufführung von Dornröschen im neuen Gewand zu kommen.

Mein Sohn hatte den Part der Hecke und er nahm seine Darstellung so ernst, daß er sogar die tschechische Verfilmung anschaute und sich von dem Dornengestrüpp da inspirieren liess. Mit dem Ergebnis, daß er sich am Montag mit seinem Erzieher zusammensetzte und überlegte, wie er sich denn am publikumswirksamsten am Ende teilen könne, wo er doch nur einer sei.

Jedenfalls sassen wir gestern nachmittag in der angemieteten Schulaula und harrten der Weihnachtsdinge, die da kommen sollten. Ich mit schlechtem Gewissen, weil Tochterkind sich ausgerechnet den gestrigen Mittag aussuchte um Fieber zu bekommen, der Autor aber so kurzfristig nicht eher von der Arbeit wegkonnte. Und so lag sie mit meinem Laptop und einem Film im Bett, während ich auf der Theaterpremiere meines Sohnes sass. Wobei sitzen auch eher sinnbildlich gemeint ist. Zusammen mit Dreiviertel der anderen Eltern stand ich um Kinder und Weihnachtsmann, um den besten Winkel für die zu schießenden Fotos zu bekommen.

Und es war laut. Sehr laut. Wenn knapp über 40 Kinder unglaublich aufgeregt sind und einem Ereignis harren, auf das sie sich mehr als sechs Wochen vorbereitet haben, dann neigen sie schon mal zur Kompensation ihres emotionalen Zustandes durch Schreien und wildes Rumrennen. Oder anders: Eine Horde Kleinkinder tobte schreiend durch den Saal und baute Energie ab. Das muß man schon aushalten können.

Aber dann fing es an: Erstaunlich geordnet und diszipliniert, vorschriftsmäßig mit roten Wangen und leuchtenden Augen trugen sie ihren Text und ihre Lieder vor. Und alle Eltern warfen sich in Pose und waren rechtmäßig stolz. Naja, bis auf die, deren Kinder kurz vor dem Auftritt von unmenschlichem Lampenfieber übermannt wurden, das nur eine Mutter trösten kann.

Und ja, von aussen sah es mit Sicherheit aus wie das fleischgewordene Klischee und war ein perfektes Beispiel dafür, wie sich innerhalb von Sekunden intelligente, erwachsene Menschen zu emotionalen Weicheiern mit Tränen der Rührung in den Augen verwandeln. Und ja, ich weiß auch, daß es über diese Mutation viele, viele zynische und sarkastische Artikel gibt. Und nein, es macht mir gar nichts.

Denn bei manchen Dingen muss man einfach dabei sein, um sie zu verstehen. Und um sie zu schätzen.

Und so, genau so soll es sein.

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Published in: on 15. Dezember 2010 at 08:18  Schreibe einen Kommentar  

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