Die Karte des Erfolgs

Nun hat sie es also endlich auch nach Deutschland geschafft, die Tiger-Mom Amy Chua, ich hatte ja schon drauf gewartet. Der Kampf zwischen westlicher und asiatischer Kultur ist einfach zu publikumswirksam, als das die Medien nicht voll einsteigen würden.

Nun gebe ich zu, ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber ich habe einige Interviews mit ihr gelesen und gesehen. Ich weiß, daß sich Mrs Chua beschwert hat, daß der erste große Artikel, der den ganzen Medienhype ausglöst hat, falsch zusammengeschnitten war. Und ich will mich auch nicht in irgendwelche Diskussionen der tieferen Art einlassen, denn in das Thema spielt – in den USA, wo es deutlich mehr chinesische Immigranten gibt als in Deutschland, noch mehr als hier – zuviel an Gesellschaftlichem mit rein. Aber eines kann und kann und kann ich nicht verstehen:

Wie kann ein Elternteil, egal ob Mutter oder Vater, einem vierjährigen Kind sagen, ich will Deine selbstgebastelte Geburtstagskarte nicht? Du hast Dir nicht genug Mühe gegeben, ich will eine andere, hier hast Du sie wieder. Alleine der Gedanke an das Gesicht des Kindes in dieser Situation läßt mich unglaublich wütend werden. Wie kann man so hartherzig sein? Was für ein Mensch ist man, wenn man so etwas tut? Und will ich das überhaupt wissen? Seitdem ich das gelesen habe, denke ich dauernd an unsere letzte Anziehaktion. Wie kann man einem Kind diesen Stolz und diese Freude etwas selbst geschafft zu haben, nehmen? Nur, weil es nicht „perfekt“ ist. Weil es „besser“ geht.

Aber mal abgesehen vom Offensichtlichen – was hat ihr Kind daraus gelernt? Daß es akkurater arbeiten soll? Vielleicht, ich glaube aber eher nicht. Ich denke, es hat gelernt, daß es nur dann geliebt wird, wenn es Dinge nach dem Gusto der Mutter tut, aber nicht nach dem eigenen. Daß sogar Überraschungen und Geschenke ihrer Kontrolle unterliegen. Aber sicherlich hat es nicht gelernt, die Mühe und die Leidenschaft eines anderen wert zu schätzen. Ich sehe schon gedanklich vor mir, wie dieses Kind dereinst Geschenke verweigert und sich dann wundert, warum keiner mehr mit ihm spielen lernen will.

Ich bestreite überhaupt nicht, daß diese Frau ihre Kinder liebt, aber ich glaube einfach, daß ihr Ansatz ein anderer ist. Ihre Philosophie ist, daß nur Erfolg im Leben wirklich zählt und er der Schlüssel zum Glück ist. Ich hingegen bin der Meinung, daß nur ein glücklicher und zufriedener Mensch seinen Erfolg wirklich genießen und was aus ihm machen kann.

Sowas passiert halt, wenn man nicht von asiatischen sondern europöischen Eltern kommt und wenn man nicht in Harvard, sondern in Bochum studiert.

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Published in: on 28. Januar 2011 at 14:11  Schreibe einen Kommentar  

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