Wir können alles. Außer Hochdeutsch.

Damals, als ich noch einen echten, wirklich gut bezahlten Job hatte, kein Haus und keine Kinder, da hatte ich noch Geld über um Aktien zu kaufen. Und was kauft man sich als gute Deutsche, wenn es die Telekom-Volksaktie noch nicht gibt? Richtig, Mercedes. Wenn auch nur in homöopathischen Dosen, aber immerhin.

Nun haben wir beide – also der Daimler und ich – eine sehr wechselhafte Geschichte hinter uns. Rein börsentechnisch gesehen. Aber irgendwie konnte ich mich nie überwinden zu verkaufen. Und weil ich dieses Jahr, unserem zwanzigsten gemeinsamen, Zeit hatte, dachte ich, ich könnte ja mal zur Hauptversammlung gehen.

Das erste was mir auffiel, diese unglaublich vielen Leute vom alten Schlag. Von damals, als man noch die Aktien von einem Unternehmen kaufte, mit man sich identifizierte. Und man verkaufte nur, wenn es gar nicht mehr anders ging. Durch die veränderte gesellschaftliche Lage werden diese Menschen immer älter, jüngere kaufen einfach keine Aktien von ihnen verbundene Unternehmen. Und gehen dann noch zu deren Hauptversammlung an einem Mittwoch im April- schon weil sie da meist arbeiten müssen. Jedenfalls kam ich mir ausnahmsweise mal wieder sehr jung vor.

Und prompt wurde ich direkt nach der Sicherheitsschleuse (wie im Flughafen, nur in freundlich) von der netten, investigativen Reporterin von RTL interviewt. Ist klar. Immer ich.

Nach einer Tasse Kaffee ging ich dann in den Saal und harrte der Dinge, die da kommen werden. Und sie kamen. In Gestalt zweier exorbitanter Lobeshymnen von Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzenden. Zumindest das, was ich davon verstanden haben. Was weniger an der Tonqualität lag, sondern daran, dass es vor Performance Phantom Share Plan, Corporate Volounteering, Compliance und Zero Emissions nur so strotzte – obwohl Deutsch als Versammlungssprache vorher festgelegt wurde. Aber immerhin hab ich offensichtlich noch mehr verstanden, als die silberhaarigen Herrschaften neben, über und unter mir. Neben mir fragte sich denn auch ein älteres Ehepaar, ob die Hauptversammlungen amerikanischer Firmen derart viele deutsche Fremdworte haben, wie unsere englische. Nur damit die Leute auch ganz bestimmt nichts verstehen.

Ganz abgehängt hat Herr Dr. Bischoff mich (und die nachfolgenden Fragenden, die wesentlich mehr Ahnung davon haben als ich sowie den Rest des Saales) dann beim Vergütungssystem. Ich habe nur verstanden, dass die Jungs da auf der Bühne ein höheres Einkommen haben als alle Einwohner einer durchschnittlichen deutschen Kleinstadt zusammen.
Jungs deswegen, weil die einzige Frau erst jetzt gerade berufen wurde. Eine. Und selbst die Stelle wurde noch zusätzlich geschaffen, damit keiner seinen Platz räumen musste. Was aber immer noch besser ist, als die Aufsichtsratsbilanz des Unternehmens mit einer ganzen Frau bei insgesamt 20 Aufsichtsratsmitgliedern. Mehr können es ja nicht sein, weil nämlich ja erst wieder Leute ausscheiden müssen bevor sie neu gewählt werden können. Die Frauen. Richtig, wir sind ja auch erst seit zwei Jahren soweit, dass sie in solche Positionen reingewählt werden können. Aber das zu erklären war viel zu kompliziert und die Branche sei nun mal männerdominiert und deswegen repräsentativ und man könne ja nix dafür. Aha.

Über die nichtexistente Erörterung der moralisch-ethischen Frage im größten Wachstumsmarkt China, hab ich mich dann schon gar nicht mehr gewundert. Die kamen auch nicht in den Redebeiträgen – von denen ich fairerweise zugegeben muß, nur die erste Runde mitbekommen zu haben.
Denn als knapp eine Stunde auf die Fragen der fünf Redner eingegangen wurde, war ich draußen und versuchte was zu essen zu jagen – die Aussprache konnte draußen im Foyer verfolgt werden, die wissen schon warum. Leider schlug die Nahrungssuche fehl, weil die Schlangen an den Essensausgaben so lang waren, dass ich irgendwann einfach aufgegeben habe eine Erbsensuppe oder Bockwurst zu ergattern.

Gegen 14 Uhr wurde uns von Herrn Bischoff mitgeteilt, es würden noch 25 Redner warten, die alle 10 Minuten Redezeit hatten plus der Zeit, die der Vorstand braucht um die Fragen zu beantworten plus der zwei Stunden, die die Abstimmungen in Anspruch nehmen wird. Nach einer kurzen Überschlagsrechnung, bin ich dann kommentarlos aufgestanden, habe meine Stimmen abgegeben und bin gegangen.

Soviel Zeit hab ich dann nun auch wieder nicht.

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Published in: on 14. April 2011 at 07:58  Schreibe einen Kommentar  

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