Viele Köche verderben die Laune

Ich liebe ja Kochsendungen und Kochbücher und Kochpodcasts und all sowas. Ich ziehe mir einiges an Tipps von den Profis und bin dankbar für kleine Kniffe. Aber so gerne ich unsere Spitzen- und Fernsehköche auch habe – vom wahren Leben in der Küche abseits der Gastronomie haben sie schlicht keine Ahnung.

Das fängt damit an, dass sie mir erzählen wollen, dass ich mir Zeit nehmen soll. Gut Ding will Weile haben und ein gutes Essen läßt sich nicht hetzen. Das ist wohl wahr. Aber wenn ich in der Küche stehe und alle zwei Minuten ein knöttriges Kind oder ein hungriger Autor reinkommt und fragt, wann es denn endlich was zu essen gibt, dann fällt das schwer. Vor allem dann, wenn man den ganzen Tag gearbeitet hat und schlicht nichts vorbereiten konnte. Da muß dann leider mal die Zwiebel auf ihre langsame Dünstung verzichten und wird rabiat durch das heiße Öl gejagt.

Was natürlich die Leidenschaft und Liebe vermissen läßt, mit der ein jedes Essen gekocht werden sollte. Nun bin auch ich der Meinung, dass man es wirklich schmeckt, wenn man mit Hingabe kocht. Aber wenn es das dritte warme Essen ist, das man an diesem Tage kocht und dazu noch schnell einen Kuchen gebacken hat, dann läßt auch beim leidenschaftlichsten Nicht-Profi-Koch die Liebe beim letzten Gericht etwas zu wünschen übrig. Vor allem dann, wenn man nach jedem Mal die Küche wieder selbst aufräumen und putzen muss.

Was mich aber wirklich aufregt, sind Sätze wie

„Man nimmt natürlich nur das hochwertigste Olivenöl, eine Flasche für 7,50 kann ja nichts sein!“
„Nehmen Sie nur die beste Qualität, das schmeckt man!“
„Achten Sie beim Einkauf immer auf Bioqualität, alles andere wird sie nur enttäuschen.“

Ja, liebe Leute, ich weiß ja nicht, was so ein Fernsehkoch heutzutage verdient und wieviel Zeit er so hat, aber ich kann nicht meine Familie stets und ständig und jeden Tag mit höchster – lies teuerster – Qualität verköstigen. Nicht, dass ich es nicht gerne täte – aber ich kann einfach nicht den ganzen Tag von Bauernhof zu Spezialitätengeschäft zu Feinkostladen fahren, da hab ich nicht die Zeit zu. Und Kleinstmengen liefern die nicht. Schon gar nicht ins Dorf.
Aber selbst wenn sie es würden, müssen meine Kinder immer noch eingekleidet werden, ein Haus muß unterhalten werden und andere lebensnotwendige Kleinigkeiten wie Strom und Wasser bezahlt werden. Natürlich gehe ich gerne in den Bioladen und ich will auch gar nicht abstreiten, dass die Qualität dort besser ist – aber es gibt immer wieder Wochen und Monate, in denen es eben der Discounter ist.

Ich finde es sehr problematisch, wenn Leute, die eigentlich Menschen zum kochen animieren sollen, sie eher demotivieren. Denn wenn all diese Köche recht hätten, dann würde 90% meines Essens unglaublich schlecht schmecken. Tut es aber nicht. Natürlich kochen die Jungs und Mädels in einer anderen Liga, das steht völlig ausser Frage. Ihre Gerichte sind raffiniert und haben das gewisse Etwas, was eben den Profi von einem Hobbykoch unterscheidet. Aber das bedeutet nicht, dass alles andere Ausschuss ist.

Ein befreundeter Profi-Koch hat mir mal gesagt, mit Topqualitäten und erlesenen Zutaten kann jeder Schnösel gut kochen. Die Kunst ist es, aus weniger guten Sachen etwas sehr Schmackhaftes zu machen.

Und ich wage zu behaupten, dass die kochende 08/15 Mutter im schnellen, schmackhaften, unkomplizierten und günstigen Essen mindestens genauso ist wie die gesammelte Spitzengastronomie dieses Landes.

Was im übrigen eine klasse Idee wäre – ein Sternekoch geht in meinen Supermarkt, kauft Dinge, die ein normaler Mensch kauft und kocht dann ein Essen, das vor Autor und den Kindern Nummer Eins und Zwei bestehen muss. Ein großer Spaß.

Da das aber wohl eher nicht passieren wird, werde ich mich weiter durch die Kochprogramme wühlen, Hinweise auf angeblich unverzichtbare, aber leider unbezahlbare Ingredenzien ignorieren und mich dafür auf die Tipps stürzen, wie ich eine Sosse auf die verschiedenen Weisen schmackhaft gebunden bekomme. Man muss sich eben immer das raussuchen, was man gerade braucht.

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Published in: on 20. Juli 2011 at 21:23  Schreibe einen Kommentar  

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