Es kommt eben doch nicht auf die Größe an

Ich bin ja bekanntlich in einer kleinen, westfälischen Stadt aufgewachsen. Und ja, auch wir hatten sowas wie eine Kirmes. Ein Carré, ein Mittelgang, ein Autoscooter, eine Raupe (oft und viel genutzt), ein Breakdance, Kinderreiten, Feuerwehrkarussel, diverse Los, Schieß- und Fressbuden, eine Geisterbahn – das war es. Einmal hatten wir „Das verrückte Hotel“ da – das war schon großes Kino. So oder so, in 30 Minuten war man drüber, der Rest war an den coolen Plätzen wie dem Scooter abhängen, sich unglaublich gelangweilt geben und unauffällig nicht schauen, was die Jungs so machen. Und sich das Kribbeln nicht anmerken lassen, wenn der junge Mann zum Mitreisen einen anzwinkert.

Diese Woche haben wir hier im Dorf Rummel. Keine 30m von uns entfernt. Einmal Entenangeln, ein BreakDance, ein Scooter, eine Miniachterbahn ein Kinderkarussell, je eine Freß-, Los- und Schießbude – das war es. Ich war mit meinem Sohn in 5 Minuten drüber und das beinhaltete schon das Staunen des Kindes vor Achterbahn und großem Fahrgeschäft. Ich mußte mir sehr das Lachen verkneifen.

Lärm hingegen macht das Teil wie die Cranger Kirmes. Wobei es noch nicht mal die Musik ist, diese sich seit 50 Jahren nicht verändernden Sprüche

„Das macht Spaß, das macht Freude, jetzt wieder zusteigen, jetzt wieder mitfahren, das macht Freu-eu-eu-eu-eude!!!“ bis Mitternacht treiben uns hier gerade zum Wahnsinn. Dazu die fragwürdigste Musik, die von der gegenüberliegenden Häuserwand verzerrt zu uns schallt…bin ich froh, wenn hier heute um 18 Uhr Feierabend ist.

Dann kann sich auch wieder die Jugend im Dorf entspannen. Denn man vergißt ja gerne, das Jahrmarkt immer auch Paarungsrituale nach sich ziehen. Stundenlanges Schminken, angeödet gucken und innerlich dabei Tango tanzen, weil *er* einen mit dem Scooter angefahren hat, ist schon aufregend und Gesprächsstoff für die nächsten drei Monate. Und über Stunden unglaublich cool gucken, sich an einer Bierflasche festzuhalten und den Mut zusammen zu nehmen, den Scooter der Angebeteten zu rammen erfordert Übung. Das sehe ich alles ein. Und nein ich hab es nicht vergessen.

Und trotzdem – ich bin so gottfroh, daß ich das alles hinter mir habe und mich guten Gewissens über die Lautstärke, das Gegröle der Dorfjugend um Mitternacht und die zahlreichen Pärchen in diversen Hecken aufregen darf.

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Published in: on 21. August 2011 at 16:50  Schreibe einen Kommentar  

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