Ich weiß, daß ich nichts weiß

Manchmal packt es mich trotz chronischer Zeitnot doch und ich steige in eine Diskussion im Netz ein, wie hier beim kinderdoc – wenn sich noch irgendjemand wundert, warum ich die Kommentarfunktion ausgeschaltet habe, soviel Zeit zu moderieren habe ich wirklich nicht.

Aber dieser Thread hat mir wieder eines gezeigt: wir Menschen, gerade wir Eltern, des anfangenden 21ten Jahrhunderts sind uns so sicher, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Genauso wie die Eltern vor uns – da sind wir keinen Deut besser.

Die Mütter in den 70ern waren 100%ig überzeugt, den Kindern was Gutes zu tun, wenn sie nicht stillen. Untersuchungen zu der Zeit bewiesen das schließlich. Heute weiß man, daß das Gegenteil der Fall ist. Laut Erziehungsratgebern sollte man Babys schreien lassen, weil das die Lungen stärkte und man die Kinder sonst verpimpelte. Von der Störungen in der Urvertrauensbildungsphase oder Dreimonatskoliken sprach noch niemand. Zweisprachig erzogene Kinder würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überfordert, weil das Kinderhirn diese Herausforderung nicht packt. Das galt als Gesetz (noch heute fragt man mich regelmäßig, ob meine Kinder nicht doch vielleicht später mit dem Sprechen angefangen haben. Die Antwort ist ein klarens „Nein.“ Leider.).

All diese Dinge sind heute mehr als wiederlegt, sie gelten als falsch. Und wer weiß, was man in in 20 Jahren herausgefunden hat. Ich bereite mich schon seelisch darauf vor, von meinen Kindern mich mit dem Vorwurf

„Sag mal, wie konntest Du uns nur damals Möhren geben. Das weiß doch jeder, daß das totaler Schwachsinn ist, ein Wunder, daß wir überlebt haben!“ konfrontiert zu werden.

Von daher sind wir darauf angewiesen, das zu tun, von dem wir meinen, daß es richtig ist – und vielleicht mal über andere Denkansätze zumindest nachzudenken, selbst wenn sie nach dem heutigen Wissensstand unlogisch erscheinen. Auf keinen Fall aber sollte man Forschungen vertrauen, die einfach aufgrund des Untersuchungszeitraums her noch keine validen Ergebnisse geben können. Aber genau das wird im Moment getan.

Im konkreten Fall beim Kinderdoc geht es um Fernseh- und Computerkonsums in seinen verschiedensten Ausprägungen und deren Auswirkungen. Bei Fernsehen lasse ich mir das gefallen, das gibt es schon etwas länger, beim Computergebrauch nicht.

Meine Kinder wurden quasi schon von der Mutterbrust an Medien gewöhnt – das mag man verurteilen, aber wenn man über Monate jede Nacht, alle drei Stunden stillt, dann hat der damalige ZDF-Info Kanal durchaus was Interessantes. Der Fernseher, wenn gerade keine zu stillenden Kinder mehr vorhanden sind, läuft hier abends und seit neuestem dürfen die Kinder ihre Bildschirmzeit selbstständig zwischen Fernsehen und Computer/Nitendo/iPad aufteilen. Ja, auch der Vierjährige. Ja, ich reglementiere was und wie lange geschaut wird. Und ja, meine Kinder dürfen täglich länger gucken als die „5 Minuten Sandmann auf Youtube“. Ja, wir haben einen Fernseher. Ja, es gibt Fernsehsonntage. Ja, es gibt Zeiten in meinem Leben, an denen der Fernseher oder auch der Computer – seit neuestem das iPad – Babysitter ist. Ja, es gibt Tage, an denen alle elektronischen Medien aus bleiben.

Und ja, ich denke auch, daß ein Aufwachsen mit allen Medien meinen Kindern eher nützt denn schadet. Indem sie sehr frühzeitig lernen, vernünftig mit den gar nicht mehr so neuen Technologien umzugehen – und zwar zu Lernzwecken wie auch zu Freizeitzwecken. Sie lernen ihr englisches ABC mit der ElectricCompany – wie schon ihr Vater vor Ihnen. Sie sitzen gebannt vor dem Ausbruch des Vesuvs. Sie stellen gesehene Experimente nach und verifizieren für sich die Ergebnisse. Und sie spielen auch ab und an AngryBirds.

Unsere Kinder sind an einem Punkt, an dem wir nie waren. So wie wir Möglichkeiten hatten, die unseren Eltern nie offenstanden – eines der Merkmale des vergangenen Jahrhunderts, wenn man mich fragt. Durch die technischen und sozialen Entwicklungen ist das Leben als solches durchlässiger geworden. Jetzt müssen wir nur noch mit unserem Denken da hinterher kommen.

Von daher kann ich leider auch keine Antwort darauf geben, ob ich es richtig mache, meinen Kinder extrem frühzeitig Medienkompetenz zu lehren. Wir werden dann in 20 Jahre wissen, ob überhaupt jemand und wer von uns recht hatte. Nur eins ist sicher: Dinge, die man selbst nicht mag von Kindern fernzuhalten, hat noch nie funktioniert.

Also bleibt uns allen nur eins: Schon mal für die Therapierechnungen sparen und hoffen, daß unsere Kinder uns unsere Fehler verzeihen.

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Published in: on 3. September 2011 at 09:57  Schreibe einen Kommentar  

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