Vergeben ja – Vergessen nie

Das Internet ist cool. In Internet findet man Leute wieder, die man seit Jahren, ach was sage ich, Jahrzehnten nicht gesehen hat und von denen man immer mal wissen wollte, was aus ihnen geworden ist.
Leider tauchen auch plötzlich Leute wieder auf, die man ebenfalls seit Jahrzehnten nicht gesehen hat und die man bitte auch nie wieder sehen wollte – aus welchen Gründen auch immer.

Und richtig böse ist das, wenn einem so ein Schlag ins Kontor beim allerersten Schluck Kaffee ereilt. So geschehen heute morgen. Eine Frau, die es durch harte Arbeit in die Top 5 der unbeliebtstesn Menschen meines Leben geschafft hat, sprang mich heute morgen in einer Email an. Mit Bild. Ugh.

Innerhalb von Sekunden bin ich 22 Jahre in die Vergangenheit katapultiert worden – mit allen schmerzhaften Erinnernungen. Soviel zum Thema „Die Zeit heilt alle Wunden“. Vielen Dank dafür.

Aber, und das werte ich als gutes Zeichen, ich war auch sehr schnell wieder im Hier und Jetzt – und das lag nicht nur daran, dass Kind Nummer Eins hektisch durch die Wohnung rannte und lauthals ihre Gelstifte – die, die glitzern, weißt Du? – suchte. Es lag auch daran, dass mir der Gedanke ins Hirn schoss, den ich so nicht erwartet hatte. Ich habe keine Ahnung, wie es ihr heute geht und es könnte mich kaum weniger interessierten. Ok, erwischt, natürlich will ich hören, dass sie totunglücklich ist, ich bin auch nur ein Mensch, kein Engel.

Aber der eigentliche Punkt ist doch der – *ich* bin glücklich. Ich habe zwar nicht das Leben, das ich mir mit 19 nach dem Abitur erträumt habe, aber ich lebe so, wie ich es jetzt will. So, wie ich es für mich entschieden habe. Weil sich seit dieser Zeit in meinem Leben unglaublich viele Dinge ereignet habe, die mich zu dem gemacht haben, die ich bin. Und ob es mir nun gefällt oder nicht, sie hat dazu ihren Teil beigetragen.

Nicht nur, dass ich durch akute Seelenpein damals vom nicht ganz so kleinen Pummelchen in die Größe geschrumpft (und wie ich nicht ohne Stolz betonen möchte, geblieben bin) von der ich nur zu träumen gewagt habe, sondern weil ich mich irgendwann mal sehr bewußt entschieden habe, nicht zu einer zynischen, bitteren, harten Frau zu werden, nur weil man mein Vertrauen mißbraucht hat. Sondern um sicherzustellen, dass niemand durch mein Handeln dieses Gefühl des ImStich- und Betrogenwerdens erfahren muss. Keine Ahnung, ob ich das immer geschafft habe, aber ich versuche es wirklich.

Was wieder mal sehr eindrucksvoll beweist, dass niemand so schrecklich sein kann, als dass er anderen nicht noch als schlechtes Beispiel dienen kann.

Ich überlege wirklich, ob ich sie kontaktieren und mich bedanken soll, dass sie damals so ein Arschloch war, denn ohne ihren epic fail wäre ich heute mit Sicherheit ein ganz anderer Mensch. Und das kann ja keiner wollen.

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Published in: on 20. Januar 2012 at 08:17  Schreibe einen Kommentar  

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