Von Pfennigen und Damasttischdecken

Nachdem ich gerade mal einen Tag daheim war, bin ich in die alte Heimat gefahren. Ohne Autor und Kinder, die versuchen noch irgendwie den Garten wieder vorzeigbar zu machen. Ich hingegen räume mit der Familie das Haus meiner verstorbenen Großeltern aus.

Sie haben knapp 60 Jahre in dem Haus gewohnt. Und hatten die Eigenschaft, nichts wegzuschmeissen, was man auch nur noch ansatzweise noch gebrauchen könnte. Das kann sich nur vorstellen, wer das schon selbst mitgemacht hat. Nach aussen hin ist alles wie in einem ganz normalen Haus. Aber wehe man macht die Schränke auf…man macht sich ja keine Vorstellung, was da alles reinpaßt, wenn man ein Ordnungssystem hat und das auch durchhält. Ein Konzept, dass ich vielleicht mal ausprobieren sollte. Dieses Gen ist definitiv an mir vorbeigegangen.

Aber da man ja weiss, dass ältere Leute gerne Geld und Wertsachen zwischen Alltagsgegenständen verstecken, haben wir Stück für Stück entfaltet, durchsucht, ausgesiebt.

Ich persönlich sehe ja Mindeshaltbarkeitsdaten auch eher als Vorschlag, denn als Gesetz an – den Kakao, der am 24.5.1994 abgelaufen ist, habe ich dann aber doch den Weg alles irdischen gehen lassen. Wobei der ganzganzganz hinten im Schrank war, ich denke, er hat seit 1995 kein Tageslicht mehr gesehen.

Medikamente datiert auf irgendwann 1974, die heutzutage unter das Betäubungsmittelgesetz fallen in einem Schrank gefunden, von dem keiner ahnte, dass er überhaupt existiert, konnten nur noch durch einen sehr wohlmeinenden Apotheker entsorgt werden.

Wir haben elektronische Geräte ausfindig gemacht, bei denen ich zumindest in einem Fall noch wußte, dass es ein Staubsauger darstellen sollte – mein sieben Jahre jüngerer Bruder hingegen hatte absolut keine Idee, was es sein sollte. Wobei das Teil schon in meinen sehr frühen Kindertagen als antiquiert galt. Aber er hat noch funktioniert.

Bei den Hosen habe ich bei der 200ten aufgehört zu zählen, ich habe Strumphosen für die nächsten zwei Jahre (und das waren nur die verpackten) mitgenommen und die gefüllten Kleidersäcke, die an Bekannte und charitative Einrichtungen gegangen sind nehmen immer noch kein Ende. Meine Oma war immer der Meinung, jede Mode käme irgendwann mal wieder – oder zweimal. Und Recht hatte sie – ich habe einen Koffer voller Bleistiftröcke und sehr taillierter Blusen eingepackt. Teilweise in den 60ern gekauft, teilweise nicht viel später selbst genäht. Ausserdem bin ich mir sicher, ein Kleid aus den Tiefen ihres Zweitkleiderschrankes gezogen zu haben, dass ich die Tage erst in einem Bericht von der Pariser Modewoche gesehen habe. Leider nicht mein Stil.

Als die Tischdecken an der Reihe waren, meinte mein Bruder, er habe zuhause genau eine. Ich habe ihn mit zwei Exemplaren schlagen können – schließlich habe ich noch einen Terassentisch. Seit gestern nachmittag haben wir beide mehr als wir je geahnt haben und wir haben schon nur die rein weissen genommen. Jetzt weiss ich endlich was meine Oma mit „das Kind braucht eine Aussteuer“ gemeint hat.

Ich habe Massen an Bettlaken und -wäsche runter respektive rauf getragen – alle gestärkt und gemangelt. Und das mir, die maximal noch Dinge wie Blusen bügelt. Wenn ich einen Kundentermin habe oder so. Wobei – das könnte sich jetzt mit dem Hypersupertooper-Bügeleisen von Oma ändern. Sagt die Beschreibung von 2011.

Ich denke, man bekommt einen Eindruck davon, wie ich seit Montag gefühlt das Matterhorn bestiegen habe, mit Spinnen in diversen KabuffsFreundschaft geschlossen habe und mit gefüllten blauen Säcken kilometerweite Wege zurückgelegt habe. Ich habe alleine vom Falten und Tragen von Wäschebergen eine anfangende Sehnenscheidenentzündung. Mein Nacken fühlt sich an, als ob er aus dem Eichenholz der Wohnzimmermöbel meiner Großeltern wäre. Und mein Auto wird so in die Knie gehen, wenn ich damit nach Hause fahre vor lauter Damasttischdecken, Spültüchern, Klamotten und Massen an Stoffen, die eine Freundin vernähen wird. Und man ahnt, dass ich die Erkenntnis gewonnen habe, möglichst bald dem eigenen Keller/Dachboden/Schrank eine Frischzellenkur zu verpassen. Das nennt man Lernen durch Erfahrung.

Übrigens haben wir nicht einen Pfennig gefunden. Nur für das Protokoll.

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Published in: on 12. Juli 2012 at 07:05  Schreibe einen Kommentar  

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