Die Überbewertung von Authenzität

Kaum dass ich aus Spanien wieder da bin und die eine Woche dörfliches Leben aufhole, stoße ich immer wieder auf Sätze wie „Nein, das ist ja toll. Ein Häuschen in Hinterland von Spanien? Wie traumhaft! So authentisch!“

Ehm, ja. Da ein gewisser Autor das Navigationsgerät für sich beanspruchte und ich bekanntlich handytechnisch noch nicht im 21 Jahrhundert angekommen bin, haben wir dieses Mal sehr viele kleine Dörfer gesehen. Und da Spanier nicht unbedingt die gleiche Definition von „geradeaus über den Kreisverkehr“ haben (sofern es überhaupt Schilder gibt), wie der gemeine Mitteleuropäer wurden es noch mehr Dörfer als man zählen konnte.

Und, um es klar zu sagen, die allermeisten sind weit davon entfernt süss und idyllisch zu sein. Gut, sie haben auch kaum klasssische Bausünden, die stehen tatsächlich an Küste, weswegen man dort auch nicht wirklich sein möchte. Oder, wie übereinstimmend mehrere dort lebende deutsche, niederländische und englische Auswanderer festgestellt haben: Das Niveau jedweder Touristen nimmt mit zunehmender Nähe zur Küste ab. Da dieses Mal Besuch und Kinder viel an den Strand wollten, kann ich dem nur mit vollem Herzen zustimmen.

Aber zurück zu den Dörfern: Spanische, wahrhaft authentische Dörfer bestanden schon in den besten Zeiten selten die malerischen weißen kleinen Häuschen, die sich kontrastreich zum blauen Himmel abhoben und sich ein Farbenspiel mit den satten Farben von südländischen Blumen lieferten. Der Großteil der Dörfer sieht in etwa so spannend aus wie ihre deutschen, englischen, niederländischen, polnischen oder *setzehiereinebeliebigeeuropäischeNationein* Pendants.

Nicht falsch verstehen, es gibt wunderbare Landschaften, einige gnadenlos schöne Ecken, die den Traum einer Auswanderung nähren – aber das ist eben nicht das wirkliche, echte Spanien. Das wirkliche, echte Spanien unterscheidet sich genauso, wie sich Nord- und Süddeutschland entscheidet. Wie sich die schnuckeligen Kaiserbäder auf Usedom von einem halbverlassenen Dorf mitten in Mecklenburg-Vorpommern unterscheiden. Oder die Dörflein der Nordseeküste nicht wirklich viel mit den alten Industrievororten des Ruhrgebiets zu tun haben.

Nur mit dem Unterschied, dass Spanien gerade eine Arbeitslosenquote von 27%, Tendenz steigend, hat und die Menschen dort echt andere Sorgen habe, als die Dörfer aufzuhübschen. Die meisten von Ihnen sind froh, wenn sie ihre Häuser behalten dürfen.

Vielleicht wäre es also einfach mal an der Zeit, sich von Idealvorstellungen, die es eh nie gab, zu verabschieden und sich auf das einzulassen, was da ist. Denn wenn man die Umgebung einfach mal ignoriert, dann bekommt man in diesen kleinen, so gar nicht dem deutschen Tourismusgedanken entsprechenden Orten Tapas aus Dingen, von denen man noch nicht mal wußte, dass man es so zubereiten kann. Und eine Paella, die diesen Namen verdient und nicht nur geschmackloser Reis mit zwei Muscheln und einer Krabbe zum suchen ist. Und wo es einen vernünftigen Café Asiatioco gibt.

Man muss sich nur trauen.

Published in: on 3. Juni 2013 at 07:00  Schreibe einen Kommentar  

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