Traumjob: Autoverkäufer in Berlin und Umland

Unser treuer Panzer wird langsam sehr alt. Erst zwackte es nur ein wenig hier, dann ein wenig da, aber dann wurden die OPs doch immer häufiger und teuerer und wir beschlossen, ein neues Gefährt muss her.

Nun stellt man sich das ja gemeinhin nicht so schwer vor, man recherchiert, man weiß grob, was man will (in unserem Fall einen Kombi, Vorführ- oder Jahreswagen und für den Autor mit Automatik bitte), ist nicht auf eine Automarke festgelegt und dann geht man los. Diese Vorgehensweise scheint viele Autoverkäufer schlicht zu schocken, vor allem, wenn man als Frau alleine eine Familienkutsche sucht. Das ist im System schlicht nicht vorgesehen. Immer noch nicht.

Die Reaktionen auf mein Anliegen waren von totaler Ignoranz meiner Person – sprich, ich wurde erst gar nicht angesprochen, obwohl ich sichtlich um die Autos rumschlich und mindestens ein Verkäufer frei war – bis dahin, dass man mich nicht wirklich ernstnahm.

Einigen hab ich dann eine Probefahrt abgetrotzt (wobei das meist über eine Hotline lief, die mich nach Internetkontakt anrief, wenn ich im Autohaus selbst anrief, war man eher mäßig begeistert). Interessierte ich mich dann für einen Wagen, so ging das Drama weiter, denn die Autos, die man mir anbot waren immer strengstens limitiert und es sei sooooo schwer, sowas zu beschaffen, nein also wirklich. Die Hälfte der Verkäufer meldete sich deswegen lieber erst gar nicht mehr. Wenn der Kunde nicht nimmt, was da ist, dann ist er eben selber schuld.

Ich war schon der Verzweiflung nahe, da fuhr ich in die alte Heimat und besuchte auch dort Autohäuser. Dort lief das dann so ab: Ich kam ins Autohaus, man war bei mir, hörte sich an was ich wollte, erklärte mir was machbar ist und was nicht. Und dann kamen Sätze wie:

„Natürlich können wir ihnen alles besorgen, Frau Possum, darf ich ihnen schon mal drei Möglichkeiten ausdrucken?“ Sie durften. Am 23.12 hatte ich innerhalb eines Tages mehr akzeptable, auf mich zugeschnittene Angebote als in den sechs Wochen zuvor. Die, das sei am Rande erwähnt, auch noch erheblich günstiger waren als das was man mir hier für in etwa gleich ausgestattete Wagen anbot.

Direkt nach Weihnachten haben wir dann gekauft. Dabei bin ich ja eigentlich ein Mensch, der gerne regional kauft – seien es nun Äpfel oder Autos. Aber wenn man mich so erfolgreich daran hindert, wie es die Autohäuser hier in der Gegend tun, dann muss ich das auch nicht machen. Man kann mir das auch gerne sagen, sowas wie

„Nein, Frau Possum, wissen Sie, die Autos stehen hier nur rum, weil wir das so klasse finden, wir wollen die eigentlich gar nicht verkaufen! Wir machen auch so genug Umsatz.“ Das kann ich ja nicht ahnen, steht ja nicht dran.

Im Ernst, ich kam mir wirklich in die Servicewüste Deutschland der 80er Jahre zurückversetzt vor – und das ging durch die Autohäuser durch, unabhängig von der Marke (rühmliche Ausnahme: der örtliche Renault-Händler, leider paßte da das Auto nicht zu uns). Ich hatte nicht gedacht, dass das so heute noch möglich ist. Das mich bei all dem Gequatsche um die Krise schwer erschüttert.

Aber gut, so der Autogott will, haben wir dass jetzt für die nächsten zehn Jahre hinter uns. Und solange brauche ich auch, um mich von diesem Erlebnis zu erholen.

Published in: on 10. Januar 2014 at 21:05  Comments (7)  

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7 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Unglaublich!

  2. Liebe Frau Possum
    Als ehemalige Autoverkäuferin (die von mancherlei Kundenspezies nicht für voll genommen wurde, da Frauen von Autos ja keine Ahnung haben können…aber das ist eine andere Geschichte), kann ich Ihnen sagen dass es auch anders geht, nämlich exakt so wie von meiner damaligen Chefin vorgelebt:

    1. Jeder Kunde wird innerhalb 3min angesprochen
    2. Jeder Kunde bekommt ein Getränk angeboten
    3. Jeder Kunde wird mit der gleichen Höflichkeit und dem gleichen Interesse behandelt
    4. Jedem Kunde wird ZUGEHÖRT
    5. Es gibt so gut wie kein Fahrzeug das nicht beschafft werden kann

    Wenn man diese Punkte berücksichtigt, so funktioniert es für beide Seiten zufriedenstellend….
    Ich bin über 10 Jahre raus aus der Branche aber offenbar gibt es noch genauso viele arrogant-ignorante Verkäufertypen wie seinerzeit.

    Für welches Modell haben Sie sich entschieden?

    • Es ist jetzt dann doch eine C-Klasse geworden, Vorführwagen, ein halbes Jahr alt.

  3. Also im Internetzeitzalter ist das eigentlich ganz einfach. Fast alle großen Autohersteller haben auf ihrer Homepage eine Rubik Gebrauchtfahrzeuge.
    Dort kann man ganz in Ruhe die entsprechenden Kriterien ankreuzen. Als Ergenis erhält man eine Liste der bei Händlern in der Nähe verfügbaren Fahrzeuge incl. Preisangabe.

    Dann muss man sich die Fahrzeuge nur noch ansehen.

    So schwer ist das nicht.

    • Es sei denn, man erwartet noch sowas wie Beratung…

  4. Ist mir genauso ergangen. Ich habe beim letzten Autokauf auch in einer Filiale am anderen Ende der Großstadt bestellt statt in der Filiale (der gleichen Marke) hier um die Ecke weil die Verkäufer hier um die Ecke einfach unmöglich waren.

    Und zum Thema „so schwer ist das nicht“ – warum sollte ich mir als zahlen wollende Kundin eigentlich irgendwelche Workarounds austüfteln? Wie komme ich dazu? Die wollen doch MEIN GELD? Und es ist verdammt nochmal 2014, da sollte es einfach kein Problem sein als Frau wie alle anderen auch ins nächstgelegene Autohaus zu latschen und dort stinknormal bedient zu werden. Alles andere ist einfach lächerlich. Egal ob man nun Beratung braucht oder schlicht nicht daran gedacht hat, daß man das Auto ja über’s Internet vorbestellen könnte oder generell Dinge lieber in Natura sieht. Es ist doch nicht possums Fehler, daß sie „zu doof“ wäre den „Internet-Ausweg“ zu kennen, sondern der Fehler der Verkäufer, die sie nicht wie einen normalen Menschen bedienen wollten nur weil sie zufällig weiblich ist.

    • Gut gebrüllt, Löwe!


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