Sozialstudien einmal anders herum

Früher, also als Auszubildende und als Studentin, fand ich ja nichts toller, als mit einer Freundin in einem Café zu sitzen und „Leute zu gucken“. Heute ist man natürlich nicht mehr so unverhohlen neugierig und nennt das Ganze beim Bummel durch die diversen Einkaufszentren der Stadt „Sozialstudien“. Wobei das auch hier auf dem Dorf geht.

Unsere Katze kränkelt etwas vor sich hinne und so mußte ich letztens mit ihr zum Tierarzt. Ich komme also aus dem Behandlungszimmer, da blockiert ein Mann den gesamten Tresen, wichtig und lautstark mit Handy am Ohr, von der ganzen Erscheinung her „irgendwas mit Medien“. Aber einen tollen Hund neben sich, von dem ich, da er einen ganz gesunden Eindruck machte, spontan auf Allergie tippte.

Jedenfalls versuchte ich durch das Handygebrüll mit der Sprechstundenhilfe durch den Prozess des Bezahlens zu kommen, als der Mensch sein Handy wegsteckte, die Dame am Computer anschaute, komplett ohne Scham unser Gespräch mit einem

„Ich bin dann mal kurz draussen“

unterbrach und mit dem Hund raus ging. Wir schauten uns nur sehr vielsagend an und hatten dann eine kurze, aber erheiternde Konversation über junge Männer, die wichtig genug sind, dass sie keine Manieren mehr brauchen. Beim Rausgehen sah ich dann den Jaguar mit dem Kennzeichen aus der großen Stadt.

Da aber nun das Wetter gar nicht so gut war und die Kinder beschäftigt werden wollten, beschlossen sie Kekse zu backen, von denen ich wiederum beschloss ein paar schnell in die Tierarztpraxis zu bringen, wenn die schon an einem Sonntag arbeiten und sich mit Schnöseln rumärgern müssen.

Etwas über eine Stunde später war ich wieder da, der Jaguar stand zu meinem Erstaunen immer noch vor der Tür. Ich also rein, die Sprechstundenhilfe schaut mich alamiert an

„Ist was mit der Katze? Was ist los!“

„Nichts, ich habe nur was für hartarbeitende Leute, die Brut hat gebacken, Oatmeal Cookies, noch warm, und ich dachte mir, sie wollten vielleicht…“

Worauf zwei Dinge passierten: Erstens wurde mir die Tüte quasi aus der Hand gerissen und zweitens hatte ich so ein Kribbeln im Nacken. Herr IrgendwasmitMedien starrte mich an. Große Augen, offener Mund. Mir dämmerte, dass ich gerade Opfer seiner Sozialstudie geworden bin, die er wahrscheinlich machte, wo es ihn schon mal in unser gottverlassenes Dorf verschlagen hatte, den armen Kerl. Klassifizierung „Mutti, mit praktischer Kleidung, Kinder, Katze, nicht geschminkt, wahrscheinlich der Kombi vor der Tür da und bringt dann auch noch selbstgebackenes. Was ein selten typisches Exemplar der Gattung Vorstadt-Mutti!“

Ich wäre fast umgekippt vor unterdrücktem Lachen. Sein Mund stand immer noch auf, als ich die Praxis verließ.

Aber sein Hund war toll.

Published in: on 4. September 2014 at 06:48  Schreibe einen Kommentar  

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