Spass mit Randgruppen

Es ist ja was an mir vorbeigegangen in den letzten zwei Jahrzehnten. Erstaunlich, was passiert wenn man keine Zeit mehr hat, selbst auf jeder Demo gleich vorne und mittenmang dabei zu sein.

Zur Erklärung, ich war ja damals mehr so die linke, rote Kampfemanze und die lila Latzhose hatte ich nur deswegen nicht an, weil ich bei aller Radikalität gewisse Mindestanforderungen an den Stil nicht verloren hatte – also immer im Rahmen der 80er gesehen. Außerdem war ich natürlich Anitfa minus deren, eh, nennen wir es eigenwilligen Öko-Idon´tcare crossovers. Was ich damit sagen will – da wo ich herkomme, gibt es eine bewegte politische und gesellschaftliche Vergangenheit, die ich durchaus und gerne verbalisiert habe.

Durch das, was gemeinhin alltägliches Leben genannt wird, wurden diese Aktivitäten ziemlich runtergerfahren. Letztes Jahr gab es dann bekanntlich wieder ein Aufflackern – aber sonst war eher Stille. Daher bemerke ich erst jetzt, wie sich Dinge verändert haben. Nicht, dass es neu oder anders wäre, dass rechte Gruppierungen, Ängste vor allem was anders ist zu schüren – das hatten wir immer schon und das wird wohl auch immer so bleiben.

Nein, aber die Art, wie damit umgegangen wird, ist eine andere geworden. Früher, zu meiner aktiven Faschos raus-Zeit, da wurde mit tiefsten Ernst über die rechte Gefahr diskutiert. Schwarze Trauer mischte sich mit rasender Wut und eine gedrückte Stimmung lag über allem.

Heute wird diese Gefahr immer noch ernst genommen, aber es wird ihr anders begegnet. Statt gedrückter Wut werden die Gesellen der Pegida und der Afd der Lächerlichkeit preisgegeben. #Schneegida war eine der genialsten Dinge, die dieses Jahr durch das Netz gegangen sind. Die von mir bis dato geschmähte „Wochenshow“ baute eine Weihnachtsgeschichte nach Pegida, die so derart böse war, dass ich mich fragte, was die Oberen des Öffentlich-Rechtlichen zu sich genommen hatten, das sie das Ding zugelassen haben – und ob ich davon auch was ordern kann. Doch nicht nur das, dieses vorsichtige „Jaaaaa, aber wir müssen die Ängste doch ernst nehmen“ wird mehr und mehr abgelöst durch eine herzhaftes „Einen Scheiß müssen wir!“- sogar der Kölner Dom, ein echtes Zeichen des christlichen Abendlandes wird verdunkelt, wenn die Träger des braunen Gedankengutes  daher kommen, um im Schatten einer der bekanntesten deutschen Kirchen ihre Gesinnung kundtun zu wollen. Die Demonstranten werden nicht nur öffentlich als das entlarvt, was sie sind – verkappte Nazis – sie werden auch (und das ist tatsächlich neu) auf breiter Ebene als solches bezeichnet.

Nun finde ich nicht, dass die unfassbar dämlichen, weil dummen Montagsdemos zu verhamlosen sind. Aber wo immer es Verlierer in einer Gesellschaft gibt, wird es immer auch Fremdenhass geben. Denn die wenigsten suchen die Schuld für ihre Misere bei sich, sondern gucken sich der Einfachheit halber gerne mal den vermeintlich Schwächeren aus. Wie gesagt, das ist nichts Neues und solche, der Selbstreflektion unfähigen Menschen wird es immer geben. Nur finde ich ehrlich gesagt die heutige Methode ihnen zu begegnen, den Spiegel vorzuhalten, ihnen zu zeigen, dass sie es eigentlich nicht wert sind, gehört zu werden und ihre Aktionen lediglich zur Belustigung der restlichen Republik taugen  wesentlich effektiver.

Das hätten die Erfinder der Spassgesellschaft so wohl auch nicht erwartet.

Published in: on 2. Januar 2015 at 08:46  Comments (2)  

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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Den Text finde ich soweit OK.
    Meiner Meinung nach wird aber noch viel zu wenig darauf eingegangen, wer letztlich an dem Mist schuld ist. Und da sehe ich eine Frau Merkel mit ihrer Politik der letzten Jahre ganz ganz vorn auf der Liste…

  2. Liebes Possum, vielen Dank für dieses kleine Flämmchen der Vernunft! Ich hoffe so sehr du hast recht. Wenn ich mir die Angriff auf unser aller (ok, unser aller ausser mir) Kanzlerin so anschaue, kommen die ja auch aus den eigenen Reihen. Das macht mir wieder Sorgen, aber eigentlich ist das ja auch nichts neues, hatten wir in den 80ern auch so oder so ähnlich. Ansonsten „schaun wir mal“. Ach so, frohes neues und so…


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