Tugenden, die Kinder lehren

Ich bin gestern von einer werdenden Mutter gefragt worden, ob und wie mich meine Kinder verändert haben.

Ehm….

Wenn jemand in der Lage ist, Kinder zu bekommen und sich absolut nicht zu verändern, dann fände ich das sehr, sehr bedenklich. Auch wenn ultracoole Menschen beiderlei Geschlechts meinen, man könne mal eben so ein Kind rausploppen und das war es dann – nein. Sicher mag es Ausnahmen geben, aber das Gros wird zu einem irgendwie gearteten Muttertier – und das manifestiert sich jetzt nicht in Schlabberlook und rausgewachsenen Strähnen.

Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus. Ich habe mich nämlich gefragt, welche Eigenschaft es gibt, die ich durch die Kinder gewonnen habe – also neben Leidensfähigkeit, Konsequenz und der Fähigkeit, irgendwie immer zu funktioneren. In meinem Fall ist es die Geduld.

Ich war immer ein extrem ungeduldiger Mensch, Dinge mußten *jetzt* passieren. Ich war eine derjenigen, die auf die Einstellungsfrage „Was ist ihre größte Schwäche?“ nicht aus Koketterie mit „Ich bin manchmal etwas ungeduldig“ geantwortet hat. Im Gegenteil, ich fühlte mich schuldig, weil ich gelogen hatte. Ich bin nicht manchmal ungeduldig gewesen – ich war es immer und ständig mit dauerndem Kundtun dieses Zustandes. Die paar Menschen, die mich noch von damals kennen werden dass mit an headbanging erinnerndem Kopfnicken bestätigen.

Das habe ich mir heute wieder ins Gedächnis gerufen, als ich zum gefühlten 56ten Male mit meinen Schülern über bestimmte Phrasen ging. Früher wäre ich beim dritten Mal ausgetickt. Spätestens. Heute ist mir das egal, erkläre ich es eben zum 57ten Mal. Na und? Irgendwann wird das schon.

So, wie irgendwann auch Socken alleine angezogen wurden. Die Gabel allein unfallfrei ins Mündchen geführt oder sich daran erinnert wurde, wozu eine Toilette doch gut sein könnte.

Sicher, es gibt immer Momente, da wird es dann auch mal zuviel – aber die kommen nur noch einen Bruchteil so häufig vor wie damals. Deswegen verläuft mein Leben auch wesentlich entspannter als damals, als ich mich leider dauernd aufregen mußte, weil der Rest der Welt nicht so wollte, wie ich. Und vor allem nicht so schnell wie ich.

So, und jetzt muss ich hoch und der Brut völlig ruhig und entspannt erklären, das sie jetzt bitte das Kichern aufhören und schlafen sollen. Zum dritten Mal heute. Die Tatsache, dass mein Ton dabei nicht mehr ganz so freundlich ist, hat nichts mit einer etwaigen Ungeduld zu tun sondern lediglich mit der fortgeschrittenen Stunde.

Ganz bestimmt. Wirklich.

Published in: on 19. Januar 2015 at 21:24  Schreibe einen Kommentar  

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