Über Journalismus und Menschenleben

Es ist ja sehr populär geworden, „die Medien“ für alles mögliche verantwortlich zu machen. Für den Untergang der westlichen Kultur, die Verdummung der Menschheit und dafür, dass die roten Gummibärchen auch nicht mehr so schmecken wie früher.

Das sehe ich nicht so, ich habe das Glück, genug interne Einblicke in die journalistische Arbeit zu bekommen und ich weiss, dass der Großteil der Journalisten einen sehr guten und oft genug auch sehr harten Job machen, den ich so nicht würde machen wollen. Trotzdem kam ich mich einer gewissen Tendenz von führenden nicht nur deutschen Medienhäusern erwehren, die ich einfach nur als zynisch und menschenverachtend empfinde.

Da ist einmal die Berichterstattung über die Bootsflüchtlinge – man überlege sich den Aufschrei, wenn mehrere kleine Kreuzfahrtschiffe gekentert wären und eine Menge westlicher Touristen statt Flüchtlinge in einem Seelenverkäufer ums Leben gekommen wären – die Gazetten hätten kein anderes Thema. So aber sind es ja nur mittellose arme Schlucker, zwar ganzganzganz schlimm irgendwo, aber so die meisten von ihnen wären ja eh abgeschoben worden, also muß man das Ganze ja nicht so aufbauschen.

Richtig auffällig wurde es aber dieses Wochenende. In Nepal sind bei einem starken Erdbebenunglück bisher über 1900 Opfer zu beklagen. Zahl steigend. Unter diesen 1900 Opfern befinden sich 18 Bergsteiger, die wahrscheinlich aus der westlichen Welt kamen. Das sind weniger als 1%. Natürlich hilft das weder den bedauernswerten Menschen noch deren Familien, tot ist tot. Nur – diese weniger als 1% nehmen die Titelseiten ein. Oftmals gleich im ersten oder zweiten Artikel in einer epischen Länge.

Wohlgemerkt, da geht es um Leute, die viel Geld dafür bezahlt haben und damit sie sich freiwillig in diverse Gefahren begeben haben. Die hätten auch mit in den Rockys oder in den Alpen klettern gehen können, wollten sie aber nicht, es war ihre freie Entscheidung. Das konnten die Sherpas, die es erwischt hat nicht. Von den Sherpas redet aber niemand. Oder von der Frau mit der Garküche am Strassenrand. Oder dem 7jährigen, der gerade in der Schule war.

Sage mir, wer Du bist und woher Du kommst und ich sage Dir, ob Dir, wieviel Du wert bist in seiner absolut widerlichsten Form. Vor allem hat das reineweg gar nichts mit Journalismus zu tun sondern nur noch mit Sensationsgeiferei. Kommt für mich gleich nach dem Gaffen auf der Autobahn nach einem Unfall. Und genau aus diesem Grunde weigere ich mich auch, diese Artikel zu lesen. Oder andere dieser Seiten.

Nicht, dass es was helfen würde. Aber wenigstens trägt es auch nicht dazu bei, diese Form von „Journalismus“ weiter in die Welt zu tragen.

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Published in: on 26. April 2015 at 08:43  Comments (1)  

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  1. Sherpas können sich anheuern lassen. Oder nicht. Und ja, es gibt da so eine soziale Opferungerechtigkeit, die auch im Inland immer zuschlägt. Bei Autounfällen. Gut, Fahrer und Beifahrer sind tot, die auf dem Rücksitz schwerverletzt, aber niemand schreibt über das Leid der Kraftfahrer, die Zeuge wurden, über das Elend der Rettungskräfte, die verwaisten Angehörigen und deren Haustiere. Liegt wohl am Platzmangel. Deshalb ist es gut, daß Blogger das Thema aufgreifen. 😉


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