Hellas-Versteher unter sich

Es ist mal wieder Zeit für die Welt da draussen. Ich hab lange überlegt, ob ich überhaupt was zu Griechenland schreiben soll oder ob man da nur verlieren kann. Zu festgefahren die Meinungen, zu hochgekocht die Emotionen. Aber einige Äußerungen meiner meist deutschen Mitbürger werden gebetsmühlenartig runtergerattert, dass man tatsächlich einen solchen Artikel auf Halde legen könnte und nur noch die Akteure per Bot ändern lässt.

1. Griechenland wird von der Europäischen Union ungerecht behandelt.

Nein – Griechenland behandelt die Griechen selbst ungerecht. Korruption kommt in allen Ländern vor, machen wir uns mal bitte nichts vor. Aber wenn man konsequent keine Steuern eintreibt – und schon gar nicht von der Geldelite des Landes – dann darf man sich nicht wundern, wenn die Staatskasse mehr oder minder den Bach runtergeht. Wenn man sich nicht minderkonsequent sämtlichen Reformen verweigert oder wenn sie sich gar nicht mehr umgehen lassen nur bei den Schwächsten der Gesellschaft ansetzt, dann kann man keine Hilfen erwarten, die nicht an Bedingungen geknüpft sind. Wenn die Europäische Union jetzt weiter nachgibt, dann wird tatsächlich jemand sehr ungerecht behandelt und zwar die Spanier und die Portugiesen. Länder, in denen es potentiell nicht so wirklich besser aussieht, aber die Reformen angestossen haben. Und zwar welche, die bösartig weh tun und die von ihren Bürgern sehr, sehr viel abverlangen. Die sich aber in der Hoffnung auf bessere Zeiten durchbeissen, auch weil sie wissen, dass besagte Reformen dringend notwendig sind um langfristig ohne Hilfen zu überleben. Das verdient höchsten Respekt und jede Hilfe, die sie bekommen können.

2. Die Griechen sollen selbst entscheiden.

Ja, bin ich auch voll für. An sich finde ich es sehr interessant, dass Politiker in anderen Ländern ihren Bürgern mehr zutrauen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen als die in Deutschland. Unsere wissen schon warum sie diese Art von Volkswillen lieber mal nicht wollen. Von daher eine an sich ersteinmal honorable Entscheidung. Aber: Schon der Ansatz war eine Farce – denn es wurde über etwas entschieden, was eigentlich gar nicht mehr zur Debatte stand. Der Zeitpunkt der Abstimmung lag deutlich hinter dem Auslaufen des Angebotes. Die griechische Regierung hat also etwas zur Abstimmung gestellt, was gar nicht mehr in ihrer Hand lag. Es wäre sehr, sehr interessant geworden, was passiert wäre, hätten die Griechen mit Ja gestimmt – damit wäre die Europäische Union sehr unter Druck geraten. Nun hält sich mein Mitleid für die Legislative der Europäische Union in engumrissene Grenzen, ich habe nur was gegen Erpressung. Aber zu der kam es ja nicht, Griechenland hat entschieden. Die Menschen dort wollen kein weiteres Rettungspaket zu den Bedingungen, die Ihnen gestellt wurden. Das ist eine völlig legitime Sichtweise und vollkommen zu respektieren. Haben die Griechen nun ein Recht darauf, dass jetzt neu verhandelt wird? Dass sie jetzt andere Bedingungen bekommen? Genau hier gehen die Meinungen auseinander. Meine ist ein klares: Nein. Für mich hat dieses Verhalten was von dem eines Kindes: Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Übersetzt: Wir wollen Euer Geld aber ihr dürft uns nicht sagen, was wir tun sollen, damit wir es Euch zurück zahlen können. Das wäre dann noch diskutabel, wenn es Hoffnung gäbe, dass dies geschehen würde. Die gibt es im jetztigen System aber nicht. So, wie Griechenland das Recht hat, Bedingungen nicht anzunehmen, hat die Europäische Union das Recht, Geld eben nicht zu zahlen, wenn bestimmte Bedingungen nicht eingehalten werden. So einfach ist das.

3. Die internationale und vor allem deutsche Presse ist tendentiös und böse.

Das Totschlagument, das bei jedem, aber auch jedem politischen Event von der einen oder anderen Seite rausgekramt wird. Ob es nun von Pegida, kommunistischen Genossen oder allem dazwischen benutzt wird, ist dabei egal. Es wird dadurch nicht richtig. Natürlich ist „die Presse“ niemals neutral – einfach aus dem Grund, weil es „die Presse“ oder gar „die Medien“ nicht gibt. Was es gibt ist eine schier unglaubliche Menge an Informationen, die durch stetig wachsende Anzahl von Kanälen veröffentlicht werden. Das ist gut so, denn jeder, der sich wirklich umfassend informieren will und die Zeit dazu hat, der kann das heutzutage tun. Klar im Vorteil ist man, wenn man noch eine Fremdsprache spricht, aber auch so funktioniert es ziemich gut. Es liegt also nicht „an den Medien“, wenn die eigene Meinung nicht genug in der Presse vertreten ist. Es liegt m.E. daran, dass man selbst sehr selektiv mit seinen Medien umgeht. Nämlich denen, denen man sich am nächsten fühlt. Auf die und deren Argumente lässt man sich am ehesten ein und macht damit das, was man den jeweils anderen vorwirft. Oder glaubt irgendwer ernsthaft, dass sich ein griechisches Boulevardblatt anders verhält als ein deutsches? Dass ein Artikel, der von einem eher konservativen Wirtschaftsexperten geschrieben ist, weniger tendentiöse Elemente enthält als der von einem eher sehr liberalem oder sozialdemokratischen? Wer das denkt, der sollte zurück in die sechste Klasse einer beliebgen Grundschule (in anderen Bundesländern weiterführenden Schule) gehen und den Bereich „Medien“ im Fach Politische Bildung nochmals belegen. Da wird die Sache mit der „Meinungsbildung durch die Presse“ noch mal sehr genau erklärt.

Ich habe genausoviel Ahnung, wie es weitergehen wird wie jeder andere auf diesem Planeten. Aber zwei Dinge weiß ich mit Sicherheit: 1. Die Welt wird durch das „Nein“ der Griechen nicht untergehen. 2. Es war mit Sicherheit nicht die letzte Diskussion, die genau so und nicht anders geführt werden wird.

Published in: on 6. Juli 2015 at 08:21  Comments (7)  

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7 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Sehr treffend formuliert.

  2. Du sprichst mir aus der Seele! Wenn das die Politik doch auch mal so klar sagen würde…

  3. Hallo,

    ich lese Ihren Blog sein geraumer Zeit und bin fast immer beeindruckt wie Sie die Dinge aus dem Familienleben auf den Punkt bringen.

    Zu diesem Text mal vier Gedanken die mir im Kopf rumschwirren:

    1. seit fünf Jahren wird den Griechen geholfen… aber ich bekomme das Gefühl nicht los auf die Art als wenn ein Ertrinkender gerade so hoch gehalten wird das er nicht untergeht, an Land wird ihm aber nicht geholfen…

    2. Der Euro ist mit einem schweren Fehler eingeführt worden: es gibt nicht ein zentrales Steuer / Finanzwesen. In D gibt es einen Länderfinanzausgleich um die finanzschwachen Länder durch die finanzstarken Länder zu unterstützen. Warum nicht in Euroland?

    3. Yanis Varoufakis ist Wirtschaftswissenschaftler. Was sind den die anderen Finanzminister (die ihm nicht zuhören wollten weil seine Reden zu lang waren, oder haben sie den fachmann nicht verstanden?) Schäuble z. B. ist Jurist.

    4. Die Einigung Europas hat uns die bisher längste Friedenszeit gebracht, wenn jetzt Griechenland aus dem Euro geworfen wird, GB sich evtl. verabschiedet, dann das nächste Pleiteland den Euro verlässt… Was dann?

    Gemeinschaft heisst in guten wie in schlechten Tagen und sollte nicht davon abhängig gemacht werden wie unterwürfig der Hilfsbedürftige ist.

    Ich weiss auch nicht was der Königsweg zur Lösung der EU oder Weltprobleme ist.

    Ich habe nur das Gefühl, dass „jetzt spart mal schön nach unseren Regeln sonst lassen wir euch ertrinken“ nicht der richtige Weg ist.

    Gruß
    Max

    • Zu 2: Für eine Transferunion – und das wäre es – müsste es eine zentrale Finanzpolitik in Brüssel geben. Und zwar nicht so ein Wirrwar wie in D, sondern klar getrennte Steuern. Steuern für Brüssel und nur für Brüssel, dann Steuern für D insgesamt und wieder davon getrennt lokale Steuern (so läufts in den USA). Subsidiarität konsequent. Ich fürchte bloss, die Steuern für Brüssel wären für manche Wutbürger ein Kriegsgrund.

      Zu 3: Es klingt vielleicht auf den ersten Blick widersinnig, aber das wichtigste Kriterium bei Ministern (und Firmenbossen) ist nicht Sachkompetenz beim Thema seines Amtes, sondern Führungsqualität und die Fähigkeit zur Kooperation im Kollegenkreis. Für die Kompetenz sind seine Mitarbeiter zuständig, der Minister muss nur in der Lage sein, deren Einflüsterungen aufzunehmen. Varoufakis mag vielleicht ein kompetenter Fachmann sein, aber wenn man sämtliche Kollegen und ein Grossteil der übrigen EU-Bevölkerung vor den Kopf stösst, ist man in dem Job schlicht falsch.

  4. Passend Karikatur dazu, beim örtlichen Griechen auszuprobieren:
    http://www.cagle.com/2015/07/greek-bill/

    • Mit Sicherheit werde ich das nicht tun. Unser Grieche im Dorf ist eine sehr hart arbeitende, extrem freundliche und wunderbare Familie, die jeden Gast, der ihr Restaurant betritt empfängt wie einen Freund. Mit Sicherheit werde ich diese Gastfreundschaft nicht beleidigen für etwas, für das sie im Zweifel absolut gar nichts können. Ich möchte gar nicht erst wissen, was die griechischen Restaurantbesitzer Deutschlands im Moment alles mitmachen.

      • Klar doch. Die können nix für. Dachte, das Smiley sei überflüssig, weil Zeitungskarikatur. Also hiermit nachgeholt.😉😉


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