Vom Recht, undankbar zu sein

Ich bin im Moment ein wenig langsam, die Hitze macht ich träge, daher brauchte ich einen Tag, um mich ordentlich über die Reaktionen aufregen zu können, die Frau Lierhaus mit ihrem Interview hervorgerufen hat.

Zum Verständnis: Die Frau ist durch die Hölle gegangen. Sie stand vor der Entscheidung Tod oder Leben, hat sich für eine OP entschieden und hat sich durch die Kunst der Ärzte und Therapeuten, einem grandiosen Umfeld und einer schier unmenschlichen Willenskraft und Disziplin wieder ein Leben erkämpft. Jetzt spricht sie darüber, aber anstatt brav und demütig dankbar zu sein, ist die Frau renitent. Sie sagt, dass nicht nicht zufrieden ist mit ihrem Leben und dass sie diese OP mit dem Wissen von heute wahrscheinlich nicht noch mal wollen würde.

Schon schwappen die Wellen hoch. Sie hat gefälligst dankbar zu sein, dass sie überlebt hat, wie so viele andere auch. Sie sei priviligiert und habe sich verflucht noch mal auch wie eine Vorzeige-Kranke zu verhalten. So. Nämlich. Das sei sie vor allem ihren Leidensgefährten schuldig.

WTF?

Nur weil sie prominent *und* mehr als nur ein Handicap hat, darf sie nicht sagen, was sie will? Ihr wird Undankbarkeit vorgeworfen, dass sie nicht Dinge sagt wie „Ach, es geht schon, ich bin ja schon glücklich, dass ich am Leben bin.“ Und zwar bitte auch, wenn sie sich nicht so fühlt. Damit sie es allen anderen Menschen mit Beeinträchtigung leichter macht. Damit sie die Bewunderung von uns Nicht-Behinderten auf sich zieht. Denn wir Normalos wollen schließlich nicht hören, dass ein Mensch, der so sehr kämpft, an sich und dem Leben zweifelt. Wir wie auch die Behindertenverbände möchten bitte gerne Vorzeige-Kämpferin haben, die wir bei Bedarf rauskramen können und die auf Knopfdruck das sagen, was man von Ihnen erwartet.

Um eines ganz klar zu sagen: Jeder Mensch mit Handicap oder einer Krankheit, der den Kampf auf sich nimmt und sich ins Leben zurück erobert, hat den höchste Respekt verdient. Jeder. Dieser Respekt darf aber nicht an unpopulären Meinungsäußerungen halt machen. Es gibt genau einen Menschen, der die Situation genau so mitgemacht hat wie Frau Lierhaus und das ist sie selbst. Deswegen steht auch nur ihr selbst zu, darüber zu urteilen, ob sie es rückblickend richtig gemacht hat oder nicht. Eventuell noch ihrem engsten Umfeld, aber das ist ihre Entscheidung. Nur, weil es Tausende Menschen mit Einschränkungen aufgrund eines Aneurysma gibt, die froh sind dort zu sein, wo sie jetzt sind, muss nicht jeder Betroffene so fühlen. Niemals hat sie gesagt, dass sie für andere spricht, sie redet immer nur von sich selbst, ihrer Entscheidung sowie ihrem Empfinden. Aber das darf sie anscheinend nicht. So als promimente Behinderte (uhoh, jetzt wird das Possum auch noch politisch unkorrekt). Was ein grandioser Schwachsinn.

Den „Bärendienst“, der im Zeit-Online-Blog kolpotiert wurde, den erweisen sich Behindertenverbände und Kritiker sehr gut selbst. Menschen mit Handycap, mit Einschränkungen, mit Behinderungen haben genau so ein Recht sich frei zu äussern, wie jeder andere Mensch auch. Ohne dass sie sich ständig einer Rolle bewußt sein müssen, die sie einnehmen. Die Tatsache, dass man das überhaupt rausstellen muss, ist beschämend an sich.

Denn erst, wenn sie genau das „dürfen“, dann werden sie wirklich als gleichberechtigte Mitglieder unserer Gesellschaft angesehen. Ein Ziel, von dem wir anscheinend noch sehr weit entfernt sind, sieht man die jetzige Diskussion.

Da gibt es noch sehr viel zu tun.

Published in: on 21. Juli 2015 at 17:55  Comments (7)  

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7 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Zustimmung. Aber sowas von.

  2. Der 1. sinnvolle (und einzig mögliche) Kommentar zu dem Thema!

  3. Jawoll, genau so ist es. Sie spricht von und über sich selbst. Und das wird sie ja noch dürfen. Ich kann sie verstehen.

  4. Als eine mit Handicap weiß ich sehr genau wo von die Frau spricht. Man hat Entscheidungen zu treffen, deren wirkliche Tragweite sich kaum jemand vorstellen kann. Sie betreffen selten nur einen selbst, sondern auch immer die Familie. Es geht ums Leben und ums Sterben. Um Würde. Es ist mehr als traurig, was man der Frau jetzt vorwirft. Ich habe heute erst gelesen: „Ehe du über mich urteilst, ziehe dir meine Schuhe an und laufe meinen zurückgelegten Weg!“ Finde ich mehr als treffend. Jeder, der sie verurteilt, ihr Vorwürfe macht, sollte mal überlegen, sich informieren, ins Krankenhaus auf entsprechende Stationen gehen. Wir brauchen keine Vorzeigebehinderten. Das ist kompletter Unsinn. Wir brauchen Leute ohne Vorurteile! Du schreibst mir also sehr aus der Seele!!!

    • Ich finde das Zitat sehr treffend. Nicht nur für Menschen mit Behinderung.

  5. Danke, Danke, Danke für diesen Artikel. Besonders fies fand ich die Anmerkung- sie könne ja schreiben, wenn sie nicht mehr moderieren könne. Und dafür solle sie gefälligst dankbar sein. Traurig.

  6. Auf der anderen Seite bekam sie genau für die Ermutigung von Menschen mit Behinderungen ein Gehalt, das fast doppelt so hoch wie das der Bundeskanzlerin war. Auch wenn sie diesen Job aufgeben musste, hat sie diese Rolle weiter in der Öffentlichkeit. Das ist langfristig Teil solcher Jobs. Das ist den Beteiligten auch klar. Niemand verlangt von ihr zu lügen. Aber etwas diplomatischer darf man sich bei solchen Bezügen (auch ihre Ersatzleistungen werden sich danach bemessen) schon agieren. Klar, dass sie schlechte Tage hat. Aber die Bundeskanzlerin stellt sich auch nicht hin und nölt öffentlich über die Koalition oder darüber, dass sie kein Privatleben hat. Frau Lierhaus ist nicht als Privatperson interviewt worden. Als alter Hase im Journalismus wusste sie das. Privat kann sie ihr Leben für schlecht halten, aber nicht in ihrer öffentlichen Rolle.


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