Licht und Schatten in Berlin

Man weiss ja manchmal nicht, ob man absolut fassungslos sein und sich in Grund und Boden schämen soll oder froh und stolz zu sein darf, in diesem Land zu leben.

So geschehen in den letzten Tagen, als die Bilder über die Zustände vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin durch die Gazetten gingen. Man stelle sich mal vor, es campieren bei an die 40 Grad Menschen da draussen, weil es für sie die einzige Möglichkeit ist, sich in eben dieser Behörde in der Stadt zu melden um eine Unterkunft zugewiesen zu bekommen. Das an sich ist schon mal ziemlich schlecht gelöst. Aber dann ist diese Behörde noch nicht mal in der Lage, genug Wasser – Wasser ist das Zeug, was bei uns sehr keimfrei aus dem Hahn kommt und gefahrlos getrunken werden kann – für die Wartenden zur Verfügung zu stellen. Geschweige denn Nahrung, Zelte, Notunterkünfte oder andere Kleinigkeiten, die für eine ansatzweise angemessene Behandlung nach Paragraph 1 unseres Grundgesetzes von Nöten wäre. Als wenn das noch nicht schlimm genug wäre, sagt ein Sprecher des Landesamtes, das sei alles nicht so tragisch, es sei noch niemand verdurstet, viele würden eh lieber unter freiem Himmel schlafen (klar, besonders die Familien mit Kindern – logisch, mache ich auch dauernd, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin, ich fühle mich dann so sicher!) und man würde das ja von Apple-Kunden kennen, die würden sich sogar freiwillig in lange Schlangen stellen, warum also nicht auch die Asylbewerber? Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich frage wieder

WTF?!

Wie herzlos, kalt und abgebrüht muss man sein, um einen solchen Vergleich zu ziehen? Das lässt mich einigermaßen fassungslos zurück. Man sollte die nächsten Stellenanzeigen der Behörde für Soziales (nicht Wirtschaft, nicht Finanzen, nein Soziales) mal durchforsten, ob Zynismus als unbedingtes Einstellungskriterium erwartet wird.

Ich will jetzt auch gar nicht auf die Tränendrüse drücken, was die wartenden Menschen alles bisher mitgemacht haben, um dann mit Leuten verglichen zu werden, die sich mal eben das neueste iPhone kaufen wollen (Apple wird nicht glücklich über diesen Vergleich sein). Das ist nicht nötig, andere Menschen haben eine viel effektivere Methode entwickelt. Denn was das Verhalten dieser staatlichen Stelle in ein, wenn möglich, noch schlechteres Licht rückt ist das aus deren Sicht unkooperative Verhalten der Bevölkerung.

Anstatt sich wie ordentliche Bürger darüber zu beschweren, dass da Menschen widerrechtlich auf öffentlichem Raum campen und den Weg blockieren, helfen sie einfach. Schleppen alles an, was die Ausharrenden brauchen können: Wasser, Nahrung, Babyartikel. Durch alle Schichten hindurch: Alte und Junge, Deutsche und Menschen anderer Nationalitäten, Menschen mit zwei Sixpacks Wasser, die sie sich wahrscheinlich selbst abgespart haben und Leute, die ihren Van vollgeladen haben – sie alle kommen und helfen dort, wo dieser Staat so jämmerlich und kläglich versagt hat. Weil es für sie selbstverständlich ist denen zu helfen, die alles verloren haben und sie sehen, dass sie und ihre Hilfe jetzt und in diesem Moment gebraucht wird.

Es ist unfassbar, wie unsere Behörden mit Menschen umgehen. Aber es tut gut zu wissen, dass sich die Mehrzahl der Bürger dieses Landes nicht davon beeindrucken lassen und Menschlichkeit ihr Handeln bestimmen läßt. Vielen Dank von dieser Stelle von einem Flüchtlingskind in zweiter Generation an alle, die das Los für diejenigen erträglicher gemacht haben, die nichts mehr haben.

Published in: on 9. August 2015 at 09:12  Comments (5)  

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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Hat dies auf winnieswelt rebloggt und kommentierte:
    Mir aus dem Herzen gesprochen …

  2. Danke für diese Zeilen – ebenso denke ich auch, deswegen habe ich einfach mal deinen Artikel rebloggt bei mir!

  3. Das like gilt deinem Beitrag und denen die Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zeigen. LG Xeniana

  4. Warst Du dort?
    Ich arbeite gelegentlich auf dem Gelände, auch in der letzten Woche.
    Einiges, was du zitierst, ist schlicht unwahr.
    Vielleicht sollte man mal hinterfragen wieso das jetzt thematisiert wird. Das eskaliert jetzt seit fast zwei Jahren vor sich hin und gerade jetzt werden plötzlich alle wach.
    Ich werde das jetzt nicht Satz für Satz auseinander nehmen, ein bisschen Differenzierung täte aber gut.
    Barbie

    • Soweit der Sprecher selbst sagte, war eine Eskalation abzusehen, weil eben jahrelang nichts getan wurde. Vielleicht ist es auch einfach „nur“ die Hitze. Vielleicht hat das Sommerloch was damit zu tun. Letztendlich ist es egal, was den Ausschlag gegeben hat. Ich finde nur wichtig, *dass* diese Mißstände thematisiert wurden.


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