Von der Macht der Sprache

Mit der Sprache ist es ja so ein Ding, wir alle benutzen sie meist doch sehr unreflektiert und meinen oft was anderes als wir wirklich sagen. Damit meine ich uns alle, ich bilde da keine Ausnahme, nur damit man mich hier nicht falsch versteht. Menschen, die mich kennen wissen, dass ich der Ausbund an ungenauem Sprachgebrauch bin.

Doch selbst mir fällt zunehmend ein Satz auf, der immer wieder fällt und den ich so einfach nicht stehen lassen kann:

„In Deutschland darf man ja nicht mal mehr sagen, was man denkt.“

Diesen Satz habe ich so oder so ähnlich in den letzten Wochen häufiger gehört als mir lieb ist. Aber durch Wiederholung wird er nicht richtig, er bleibt sachlich falsch.

Ich bin sehr stolz darauf (hmmm, ja, spätestens hier kommen die ersten Kommentare, irgendwann schreibe ich mal was über Stolz, glaube ich) in einem Land zu leben, in dem ich ungestraft alles sagen darf, was ich will, es sei denn es ist verfassungswidrig oder im Rahmen der wehrhaften Demokratie verfolgbar. Wir reden da von einem Aufruf zum Staatsputsch und eine Diktatur zu errichten ist zugegebenermaßen strafbar, vor Beleidigungen und Bedrohungen wird in §1 geschützt.  Im Rahmen einer politischen Diskussion jedoch,  steht es mir frei zu sagen was ich will.

Ich werde für unliebsame Äußerungen nicht eingesperrt oder gefoltert. Ich bekomme kein Redeverbot, keinen Hausarrest, kann wo immer, wann immer rausschreien, was oder wen ich warum so richtig Scheiße finde. Die Regierung bedroht nicht meine Familie, wenn ich sage, was mir nicht paßt. Das ist Fakt. Punkt.

Eine andere Sache ist es, wie die Reaktionen einer oder mehrerer wie auch immer gearteter Gruppen  auf meine Äußerungen aussehen. Denn, und das ist die Crux, die Rede- und Meinungsfreiheit gilt nun mal für alle. Das ist blöde, aber so funktioniert das Spiel nun mal. Das muss nicht immer Spaß machen, ich erinnere mich beispielsweise  sehr ungerne an die Reaktionen auf meine Äußerung, dass ich Wunschkaiserschnitte total legitim finde. Hauerha. Ich hab mich ab einem bestimmten Zeitpunkt immer umgeschaut, ob vielleicht doch noch ein Spontangebär-Jünger mein Ungeborenes mittels natürlicher Zwangsgeburt vor dem Trauma seines Lebens retten wollen würde, indem er mich mit Räucherstäbchen, Himbeerblättertee und einer in natürlichen Wassergeburten ausbildeten, mantrasingenden Hebamme in ein total gebärfreundliches Zimmer sperrt – ohne Telefon natürlich, damit die Natur nicht durch schädliche Wellen welcher Art auch immer gestört werden mag. Aber ich schweife ab.

Das ist nur ein Beispiel, ich war in meinem Leben so gut wie immer anderer Meinung als ich nach dem Empfinden anderer Menschen hätte sein sollen und habe mit ebenjener auch niemals hinter dem Berg gehalten. Ich habe ausgeteilt und ich habe eingesteckt – aber das ist es doch, was eine Demokratie ausmacht. Ein offener Meinungsaustausch ohne Schere im Kopf.

Das gesagt, tun wir mal Butter bei die Fische (korrekte Sprache und so): In letzter Zeit kommt obiger Ausspruch meist mit einem Zwischensatz, der in etwa in folgende Richtung geht:

„Es ist ja schon soweit, dass man gar nicht mehr sagen darf, was man denkt, weil man dann ja gleich ein Rassist ist oder in die rechte Ecke gestellt wird.“

Nun kommt es ja immer noch drauf an, was man gesagt hat – vielleicht ist man ja sogar rechts, wenn man ehrlich zu sich selbst ist. Die CSU lebt seit Jahrzehnten sehr gut damit und steht nun wirklich nicht im Verdacht, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich selbst stimme mit dieser Partei und deren Ansichten so gar nicht überein, aber es gibt sie und das ist gut so (also, nicht gut Sinne, dass es solche Gesinnungsgenossen gibt, aber gut im Sinne, dass es sie geben darf. Logisch.)

Vielleicht ist man aber gar nicht rechts, sondern wird nur von einer bestimmten Gruppe so hingestellt. Oder mehreren. Vielleicht ist der politische Mainstream gerade auch nicht so, wie die eigene Meinung ist. Welcome to my life – das mache ich seit Jahrzehnten mit und lebe immer noch. Sehr gut sogar, wenn auch immer mal wieder aufregend. Vielleicht hat man sich aber auch einfach nur komplett falsch ausgedrückt. Vielleicht hätte man sagen sollen (um mal ein gerade sehr populäres Beispiel zu geben):

„Mich stört es, wenn man pauschal und ohne nachzudenken in die rechte Ecke gestellt wird, weil man der Meinung ist, dass straffällig gewordene (und verurteilte) Asylbewerber in ihre Heimatländer zurück geschickt werden sollten.“

Für mich ist das ein ganz anderer Schnack als ein pauschal daher geworfenes, komplett unreflektiertes „In Deutschland kann man ja nicht mehr sagen was man denkt.“ Denn das zeigt nicht, dass man eben nicht zum braunen Klientel gehört, sondern vor allem, dass man vom politischen System im eigenen Land so gar keine Ahnung hat und jeder Nicht-Deutsche, der seinen Einbürgerungsantrag stellt, mehr über das eigene Land weiß, als man selbst.

Mir geht es mitnichten (ein schönes Wort, wird viel zu selten genutzt) darum, Menschen zu verurteilen, die genau diesen Satz sagen. Mir geht es darum, darüber nachzudenken, was genau man denn da von sich gegeben haben und wie falsch es in Zweifel ist. Und welche Menschen sich genau das zunutze machen.

Damit eine ordentliche politische Diskussion endlich mal wieder möglich ist. Der rechtliche Rahmen dazu ist da. Es sind die Menschen, die es wieder versaubeuteln.

Published in: on 14. Januar 2016 at 21:58  Comments (5)  

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5 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ich finde xkcd hat das ganze Thema „das wird man doch noch mal sagen dürfen“ sehr schön zusammen gefasst:
    https://xkcd.com/1357/

    • Ok, etwas krasser als ich es ausgedrückt hätte und the 1st Amendment ist ja doch was anderes als bei uns §1 – während bei uns die Würde des Menschen an erster Stelle steht, dem sich alles unterordnet ist es bei den Amerikanern die Freiheit der Rede (gerne hier https://usaerklaert.wordpress.com/2006/11/22/free-speech-teil-1-warum-die-usa-holocaust-leugner-schutzen/ (und folgende) noch mal nachzulesen) – aber der Grundgedanke ist der gleiche:-)

    • Ich kenne den Comic-Strip, und wundere mich immer wieder, wieso so viele Leute den so prima finden.

      Ist es auch noch in Ordnung, wenn du keinen Job bekommst, weil du mal die Ansicht vertreten hast, dass gleichgeschlechtliche Paare ruhig heiraten dürfen? Oder wenn du als Freiberufler auf einmal keine Aufträge mehr vom Staatsfernsehen bekommst, die dir bisher dein Auskommen gesichert haben? Was, wenn *DU* das „Asshole“ aus dem o.g. Strip bist?

      Um präzise zu sein, den hätte auch McCarthy ganz prima unterschreiben können. Weil die Rede- und Meinungsfreiheit war ja auch zu seiner Zeit in keiner Weise eingeschränkt. Oder?

      • Ist der Witz nicht, dass wir alle niemals „nur“ die Guten sind, sondern ab und an auch mal ein Arschloch? Der Trick ist nicht, dass zu ändern – das schaffen wir nicht und wenn, dann wäre die Welt ein sehr langweiliger Ort. Der Trick ist, zu erkennen, dass wir es manchmal sind und dass wir deswegen nicht mit der Moralkarte durch die Gegend wandern können.

      • Ja ich verstehe worauf du hinaus willst, soll man Menschen mit einer „falschen“ Meinung pauschal ausgrenzen? Oder versucht man sie zu „überzeugen“ oder hört sich im besten Fall gänzlich vorurteilsfrei deren Argumente an?

        Ich weiß darauf auch keine seelig machende Antwort, aber eine derartige Ausgrenzung ist halt nicht mit einer staatlichen Zensur gleich zu setzen.


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