Was wäre, wenn….

wir uns alle mal um uns nur selbst kümmern würden?

Der Gedanke kommt mir immer häufiger, wenn ich die News lese, die mir aufgedrängelt werden und denen ich immer weniger entkommen kann. Das von einer Frau mit einem Kümmerer-Gen und einem verkappten Helfersyndrom gesegnet ist,  die es körperlich kaum ertragen kann, den Arm unten zu lassen, wenn irgendwelche Freiwilligen gesucht werden.

Was also wäre, wenn wir nicht nach außen schauen würden, sondern in uns rein. Was, wenn wir uns nicht aufhetzen und aufheizen lassen würden? Was, wenn wir uns ernsthaft fragen würden, was die Welt da draussen mit uns macht? Ohoh, gefährliche Gedanken, denn schließlich wissen wir, dass es Privates immer Politik und damit öffentlich ist und sich nicht kümmern in asozial. Aber spielen wir es doch mal durch.

Wie genau geht es mir und meiner Familie jetzt und heute ? Geht es mir besser oder schlechter  als vor einem Jahr bezogen auf die Nachrichten, die auf uns einstürmen (persönliche Tragdödien wie Tod und Krankheiten spielen jetzt hier also nicht rein)? Und bitte ganz ehrlich sein. Nun? Naaaaaa? Irgendwelche bösartigen Einschränkungen? Dinge, auf die wir verzichten müssen? Etwas, was ich so gerne haben will und was ich nicht haben kann (wohlgemerkt, immer in Relation zum letzten Jahr um diese Zeit gesehen – ich würde auch sehr gerne eine Weltreise machen, aber darum geht es hier gerade nicht).

Natürlich kann ich nicht für irgendjemand anderen reden, aber für uns ist da genau eine Sache, die gaaaaaanz eventuell was mit der derzeitigen politischen Lage zu tun hat: Kind Nummer Eins konnte in der U14 ihren ersten Spieltag nicht spielen, weil nicht genug Hallenkapazität zur Verfügung stand – wobei allerdings nicht klar ist, ob ebenjene Hallen von Flüchtlingen belegt sind oder ob es einfach Anfang des Jahres ist und andere Sportarten ihre Tuniere austragen (wie es hier im Dorf der Fall war). Das hat nun die schwerwiegenden Auswirkung, dass mein Kind einen Spieltag weniger hat, einen Sonntag quasi frei hatte und der Staffelleiter sich eine Ausnahmeregelung für die Staffel A und D einfallen lassen muß.

Ohweh.

Sonst geht es uns genauso wie letztes Jahr – wir haben genug zu essen, genug anzuziehen und genug freie Jammerkapazität, um uns über das Wetter auszulassen. Ich bin sogar letztens abends im Dunkeln als Frau alleine nach Hause gegangen, ohne von nord- oder südländisch aussenden Gestalten belästigt worden zu sein. Bin ich jetzt ein Mecker-Minderleister?

Nein, ich schaue auf mein Leben und darauf, was ich alles habe. Jaaaahaaaa, so schreit es mir von allen Seiten entgegen, noch. Noch geht es Dir gut, aber warte ab, wenn das so weiter geht, dann werden wir bald alle am Bettelstab gehen und unterdrückt werden. Weil die Menschen, die da in Lesbos an Land gespült werden nichts anderes zu tun haben, als uns das weg zu nehmen, was wir haben. Du Gutmensch, Du!

So wie damals die Ostpreußen nach dem Krieg und die Gastarbeiter in den 60er und 70ern – die haben ja auch alles getan, um uns das letzte Hemd zu raub…ok, schlechtes Beispiel, aber dieses Mal, dieses Mal wird es so sein!

Genau wegen dieses kruden Gedankenganges möchte ich, dass jeder auf sich schaut. Macht einen Faktencheck. Was ist heute objektiv schlechter als vor einem Jahr in Eurem Leben, was ihr nicht selbst verschuldet habt (upsi, vergaß ich vorhin etwa, die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber zu erwähnen?). Macht einen Ist-Status ohne „Ja, aber das geht nicht mehr lange so, ich sage es Dir!“ Dann, danach, schaut Euch um, wieviel Elend es hier in diesem Land gibt. Ohne Schere im Kopf, wer woher warum kommt oder ob derjenige hier schon sein Leben lang hier lebt.

Und dann sei verflucht noch mal dankbar. Dankbar, dass Du zu essen hast und gekleidet bist. Dass Du eine Heimat hast. Dass Du Deine Familie hast. Eine Wohnung, in der Du mit den Menschen leben kannst, die Du dafür erwählt oder in der Du Dein eigener Herr bist. Im besten Falle eine Arbeit. Alles das ist soviel mehr als andere Menschen in diesem Land haben. Egal, ob sie neu hier ankommen oder schon immer hier leben.

Jetzt – jetzt darfst Du Dich umschauen und Dir das Elend angucken. Anschauen, wieviele Menschen genau das alles nicht haben. Jetzt darfst Du schauen, was Du tun willst und zuzusehen, dass diese Menschen das bekommen, was Du für Dich absolut normal ansiehst. Denn dann brauchen wir keine Angst vor dem zu haben, was kommt.

Natürlich, Du kannst auch schauen, was Du alles nicht hast und denken, dass wenn wir nur alle hier rauskicken, die noch weniger haben als Du, du dann mehr bekommst. Hat ja all die Jahre so unglaublich gut geklappt, nicht wahr? Dann bist Du allerdings nicht nur ein herzlos und naiv, sondern du bist auch noch dumm.

Was für eine Erkenntnis! Das alles nur, weil Du einmal an nur Dich selbst gedacht hast. Verrückt.

 

 

Published in: on 27. Januar 2016 at 07:54  Comments (9)  

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9 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. I disagree. Aus mehreren Gründen, darunter auch persönliche Erfahrungen mit Migranten, die mich fast ein Auge gekostet hätten. Übrigens in Köln. Dann wird man doch unentspannter. (Foto kann ich gerne mal schicken, damit klar ist, dass das nicht nur ein Spruch ist. Die gesamte Story dahinter ist noch viel, viel, viel bitterer.)

    Aber die persönlichen Erfahrungen sind hier gar nicht so wichtig. Um es noch einmal ganz klar zu sagen, wenn die Zahlen, die ich habe (und die ich größenordnungstechnisch auch für korrekt halte) so stimmen, dann spielen wir hier mit der Existenz unseres Landes, und mittelbar auch mit der der EU.

    Die realen Flüchtlingskosten sind ca. 32000,- pro Jahr und Flüchtling. Macht bei 1,5 Millionen dann mal eben 48 Milliarden im Jahr. Siehe hier:

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-12/haushalte-fluechtlinge-laender-ausgaben

    Zitat:
    „Der Bund unterstützt die Länder ab dem kommenden Jahr mit monatlich 670 Euro pro Flüchtling. Dem Bericht zufolge reichen die Zuschüsse des Bundeslandes allerdings nicht aus, die Kosten abzudecken. So würden in Hessen *GERADE EINMAL EIN VIERTEL DER AUSGABEN* für Flüchtlinge durch die Unterstützung vom Bund abgedeckt.“

    Es gibt andere Quellen, die zu ähnlichen Werten kommen. Noch mal Zahlen:

    – 1,5 Mio. Flüchtlinge bisher: ca. 50 Mrd. Euro pro Jahr
    – Die gleiche Zahl dieses Jahr erneut: nochmal 50 Mrd. Euro pro Jahr.
    – Gesamtkosten: 100 Mrd. Euro pro Jahr

    – Bundeshaushalt: ca. 330 Mrd. Euro pro Jahr
    – Faktor Familiennachzug: geschätzt 3-4.

    Du kannst selbst rechnen. Wie soll das gehen?

    Es gibt in meinen Augen zwei Arten von „gut“, nämlich „gut gemeint“ und „gut gemacht“. Und in der Realität ist davon nur eine davon wirklich gut.

    • Als erstes: Wenn Du meinst, dass persönliche Erfahrungen nicht wichtig sind, warum bringst Du sie dann an?

      Zweitens: Zahlen ohne Quellenangabe sind nur eins: Nutzlos. Das hat was von „Ich hab mir da mal ein paar Zahlen aus den Fingern gesaugt.“ Es ist Dir überlassen, dass Du sie für korrekt hälst und Du sie glaubst. Ich hingegen brauche Quellen, bei denen ich prüfen kann, wo diese Zahlen herkommen, wer sie gemacht hat, wer sie in Auftrag gegeben hat und welche Erhebungsmethode genutzt wurde. Habe ich keine belastbare Quelle zur Verfügung, sind sie solche Zahlen für mich irrelevant, weil im Zweifel falsch.

      Drittens: Natürlich kosten Flüchtlinge Geld. Wer das bestreitet, der lebt auf einem anderen Planeten. Nur: Wenn dieses Geld vernünftig angelegt hat, dann bringen sie in Zukunft wesentlich mehr in unsere, in die deutschen Kassen. Man muss nicht BWL (als es noch BWL gab) studiert haben, um zu wissen: Nur wer investiert, der kann auch mittel- und langfristig Gewinn abschöpfen. Schau Dir unsere Demographie bei der zuständigen Bundesbehörde an (zu finden hier http://www.bib-demografie.de/DE/Home/home_node.html). Um mit Deinen Worten zu sprechen: „Du kannst rechnen. Wie soll das gehen?“ Wenn wir alle älter werden, die Kinder weniger werden und wir alle aber unseren Lebensstandart via Rente aufrecht erhalten wollen. Die Frage ist also nicht, wieviel ein Flüchtling kostet. Die Frage ist, wie wird das Geld, dass für ihn aufgebracht wird sinnvoll eingesetzt. Und zwar so, dass er möglichst bald in der Lage ist, sich selbst nicht nur zu finanzieren, sondern über seine gezahlten Steuergelder auch uns.

      Mit kurzfristiger Planung kommen wir da nicht weiter. Die Krise wird nicht weggehen. Die Überalterung der deutschen Gesellschaft aber auch nicht. Aber das ist ja noch nett weit weg, nicht wahr? Ich bin gespannt, wer dann schuld sein wird, wenn der gemeine Rentner sich sehr viel weniger wird leisten können als heute, weil nicht genug Jungvolk da ist, um die Renten zu finanzieren. Und ich wette, diejenigen die da am meisten zetern werden, werden diejenigen sein, die heute gegen die eben vorgeschlagene Investition der in unsere Zukunft sind.

  2. Ich schreibe dir später dazu mehr, aber drei Dinge schon vorab. Erstens, ich bringe die persönliche Erfahrung ein, weil du danach gefragt hast, und ich da dann doch den Kontrapunkt setzen möchte. Ich habe meine Fußtritte ins Gesicht schon bekommen, und werde dann auch nicht darüber schweigen, sorry.

    Zweitens, was mich jetzt wundert: ich habe doch eine Quellenangabe nebst Zitat aus dem Artikel gemacht? Was genau brauchst du? Ich schaue gerne, was ich machen kann.

    Drittens, ohne es jetzt im Detail auszführen. Natürlich kann das alles klappen, wenn das mit der Qualifikation gelingt, aber das ist in etwa so wahrscheinlich, wie dass der 1. FC Köln zehnmal am Stück Deutscher Meister wird.

    • Niemand sagt, dass irgendwer, irgendwas verschweigen soll. Aber dieses Füttern von bits und pieces von eyecatching details nur um dann zu sagen, ach, aber das soll hier ja nicht reinspielen, ist einfach nur ein Trick, der schon in meiner Studienzeit vor 20 Jahren von meinem Rhetorikprofessor als abgelutscht eingestuft wurde. Entweder richtig oder gar nicht. Ich empfehle für sowas einen eigenen Blog. Sehr befreiend.

      Zweitens: Es ging mir um die Passage „Es gibt andere Quellen, die zu ähnlichen Werten kommen. Noch mal Zahlen“ oder „wenn die Zahlen, die habe…“. Und selbst der Artikel der Zeit gibt zu: Sie haben keine Ahnung, was es kostet, weil es unterschiedliche Angaben gibt. Fakt ist: Es gibt keine belastbaren Zahlen. Punkt. Unbestritten ist, dass sie hoch sein werden. Da sind wir uns einig.

      Drittens: Sehe ich komplett anders. Ganz im Gegenteil – flüchtende Menschen, die Mittel und Wege finden ihr Leben zu retten statt sich wie Opferlämmer ihrem Schicksal zu ergeben, das andere für sie erdacht haben, zeichnen sich durch eine gewissen Grundkreativität und Intelligenz aus. Hüben wie drüben. Läßt man dieses Potential brach liegen und gibt den Menschen keine Gelegenheiten, genau das zu nutzen, dann ist man selbst schuld. Um es mit den sehr weisen Worten meines neunjährigen Sohnes zu sagen „Mama, vielleicht klappt es ja nicht. Aber wenn man es nicht probiert, dann wird man es nie wissen. Und außerdem ist man dann ein Feigling.“ Gut, er sagte das in einem anderen Zusammenhang, aber passen tut es auch hier. Natürlich kann es schief gehen, aber wenn wir nichts tun (im Sinne von niemanden aufnehmen, alle zurückschicken) , dann wird uns die gesamte Geschichte so dermassen um die Ohren fliegen. Denn wo wir bei Zahlen sind: Die Kosten für eine Abschottung, dass niemand mehr nach Europa kommen kann, sämtliche See- und Landesgrenzen dicht zu machen (abgesehen, dass es nicht funktieriert, ich empfehle da Lektüre, die die Zustände an der mexikanischen Grenze beschreibt) wären immens. Sie sind ebensowenig zu beziffern wie andere, über die wir hier geredet haben, aber bezweifle, dass sie wesentlich geringer sein werden. Da nehme ich doch lieber die Kohle, und mache damit was Vernünftiges und Nachhaltiges. Ach ja, und Menschliches.

  3. Danke! Großartiges Posting.

  4. Großartig, der Artikel spiegelt genau meine Meinung wieder. Danke!

  5. Wenn ich nur an mich gedacht hätte, was würde mir fehlen?
    Die Kontakte mit sehr dankbaren Menschen, besonders die Kinder. Die Wunder, derer ich Zeuge werden durfte: Dass Menschen sich wiederfanden, die einander für tot hielten.

    Was sich aber auch verändert hat:
    Das Grauen kam in meine Träume und eine namenlose Angst in mein Herz – nicht um unsere wirtschaftliche Zukunft, aber vor dem, wovor die Menschen fliehen. Ist erstmal eine gemeinsame Sprache gefunden und Vertrauen vorhanden, kommen die Erzählungen von Mord, Krieg und Flucht. Und das war eben nicht immer der unbekannte IS-Mann, der Schleuser, der Grenzposten, usw., sondern auch Nachbarn und Bekannte, die kein Problem hatten, sich mit dem Terror zur verbrüdern und sich daran zu bereichern bis es sie selber traf. Wie naiv ist es da, Tausende von Menschen einreisen zu lassen, ohne zu wissen, wer sie sind. Das können auch viele Flüchtlinge, mit denen ich zu tun habe, nicht verstehen. Nein, wir sollen niemanden an unseren Grenzen sterben lassen, aber wenn ein einfacher Satz genügt, um seine Identität zu wechseln, ist die Sicherheit aller in Gefahr.

    Bilder von toten Babies auf Zeichnungen in der Kita. Das muss verarbeitet werden, sowohl von den Flüchtlingskindern, als auch von unseren. Ja, ich musste mit meiner Dreijährigen über Tod und Vertreibung sprechen. Wir werden allein gelassen, die Flüchtlinge und die, die schon da waren. Das „Wir schaffen das!“ heißt in der Praxis „Seht zu, wie ihr das schafft!“, ohne die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen, ja auch finanzieller Natur.

    Es gab sehr unschöne Erfahrungen mit Bekannten, die mein Tun nicht gut heißen, Beleidigungen und gekündigte Freundschaften. Und ja, es gab auch sehr unschöne Erfahrungen mit Flüchtlingen, Beleidigungen an mir als Frau, Betrug, Lügen und Enttäuschung auf beiden Seiten.

    Mir gefällt der Ton dieses Artikels nicht – die Häme und ja, auch die Selbstgerechtigkeit, die da mitschwingt. Es gibt gute Gründe Angst zu haben. Die Krise wird Europa verändern. Ob zum Guten, das ist noch nicht raus, das hängt von uns ab, von uns allen.

    • Was jeder daraus macht, wenn er in sich gegangen ist – das ist seine ureigenste Sache. Auch wie er diesen meinen Artikel sieht, ob er ihn gut oder schlecht findet und oder ihm gar zustimmt. Mir ging es nur darum, sich nicht von der Hetze fehlleiten zu lassen sondern sich zu überlegen, wie genau sich das eigene Leben verändert und ob man sich vom Hass wirklich anstecken lassen sollte. Und das ist nichts, wofür andere verantwortlich sind, sondern nur man selbst.

  6. Wie ich finde: ein ausgesprochen guter Artikel in einer viel zu aufgeregten Zeit, in der Vermutungen und Gerüchte stark dominierend sind, statt mal wieder Nüchternheit und Gelassenheit den Vorzug zu geben.


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