Damals wie heute

Als mein Opa in Rente ging, er war Bergmann und damals hörte man mit 55, meist sowieso schon komplett kaputt vom Schuften unter Tage, auf zu arbeiten, da gab es in der alten Heimat einen „Tchibo“. Dort traf er sich an dem Markttagen mit seinen alten Kollegen auf einen Kaffee und da wurde dann die Welt erläutert. Schon damals fand ich das faszinierend – die alten (hallo, ich war knapp vor Teenager) Männer wußten genau, wie die Welt funktionierte, wer die Fehler machte und wie man sie verbessern konnte. Nur leider waren sie sich nie einig. Das politische Spektrum reichte von alten Kommunisten bis hin zu Leuten, die- sagen wir mal – die Propaganda, der sie als Kind ausgesetzt waren, nie ganz los wurden. Es wurde diskutiert, argumentiert, gebrüllt und sich aber nie geeinigt. Und doch  kam früher oder später immer irgendwo ein

„Wobei – da hasse recht!“ und am Ende der Kaffeestunde ging man dann meist noch irgendwo hin auf ein einigendes Bierchen, bevor man sich um 12, wenn der Markt zumachte, mit den Frauen traf, die dann – zumindest in Falle meines Opas – wirklich sagte, wo es lang ging.

Es war faszinierend – das ging zwei Mal die Woche so, über Jahrzehnte.

Letztens war ich in der alten Heimat und setzte mich am Markttag in ein Café um einen Latte zu trinken. Neben mir sassen fünf  Rentner bei Kaffee und Tee und diskutierten, lautstark die Weltlage. Das, was wir so gerne als „Stammtischgequassel“ abtun. Selten hab ich so lange für einen Kaffee gebraucht – es war absolut faszinierend. Es prallten Meinungen aufeinander, es flog auch schon mal die eine der andere liebevolle Beleidigung durch den Raum, aber es wurde nie böse und sie redeten miteinander. Nahmen sich ernst. Das ging so lange, bis die Frauen vom Markt kamen, sich das Ganze kurz anhörten, sich anschauten und man dann nur hörte

„Erwin, es reicht gezz. Geh zahlen und komm. Unser Claudia kommt gleich noch mit den Blagen vorbei.“

Und Erwin stand auf, nahm brav sein leeres Glas mit rein, zahlte und unter

„Bis Mittwoch, Erwin, machet jut. Du auch, Änne!“ zog er von dannen.

Während auch die anderen auf ihre Frauen warteten trank ich meinen mittlerweile kalten Kaffee aus und dachte mir, dass wir uns davon vielleicht alle eine Scheibe abschneiden könnten. Nämlich miteinander zu reden und einander zuzuhören.

Das wäre doch mal was, was die Welt wirklich verbessern würde.

 

 

 

 

Published in: on 29. Juli 2016 at 06:42  Schreibe einen Kommentar  

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