Wenn die Scham zurück kommt

Ich habe mir ja abgewöhnt, mir dafür zu schämen Deutsche zu sein. Nicht für deutsche Touristen in Spanien – da bin ich mit Urlaubern aus etwa 7 anderen europäischen Ländern zum Schluss gekommen, dass das Niveau mit der Nähe zum Strand unabhängig zu Nationalität abnimmt. Nicht für unsere Griesgrämigkeit – denn die hat sich schon sehr gebessert. Und auch nicht für den typischen Bayern – jedes Volk hat schließlich sein Päckchen mit den seinigen zu tragen.

Man wird im Ausland auch sehr selten bis gar nicht angesprochen, was denn bei uns für ein Bullshit läuft. Eigentlich ist das genaue Gegenteil der Fall. Bis auf eine kleine Ausnahme, auf die ich seit Jahren in nunmehr jedem Land, in dem ich weilte, meist mit äußerster Ungläubigkeit angesprochen werde. Das ist der BER . Ich habe mich dran gewöhnt. Ich meine, wir verstehen es ja auch nicht, wie ein Land, das für seine Ingenieurskunst bekannt ist und für seine Präzision gefeiert wird, sich einen solchen Schandfleck in deutscher Baukunst leisten kann. Man hat sich dran gewöhnt, man lacht mit Freunden und Fremden darüber und hat immer einen netten Gesprächsaufhänger. Immerhin dazu taugt er, auch wenn man meinen könnte, er habe dafür vielleicht ein wenig viel gekostet.

Aber jetzt geht es doch ein wenig ins Bizarre. Es wird nicht nur der Eröffnungstermin verschoben – nein, das kann ja jeder und es wird langsam alt. Jetzt wird auch noch der Termin verschoben an dem der Eröffnungstermin verschoben werden soll. Mit der Begründung, dass es international üblich ist, die Eröffnung von Flughäfen erst sechs Monate im voraus bekannt zu geben. Ah. Man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege, aber international ist es auch üblich, Flughäfen irgendwann mal in Betrieb zu nehmen.

Gibt es eigentlich einen deutschen Ausdruck für epic fail? Es wird an der Zeit dafür, glaub ich.

 

Published in: on 27. September 2016 at 08:10  Comments (6)  

Das langsame Sterben

Wo wir noch bei „Fortschritten der Menschheit“ im letzten Beitrag waren, flattert doch das Ergebnis der Wahl in MeckPomm über die Bildschirme, über 20% für die AfD. Viel ist seitdem über das Warum, das Weshalb und vor allem über die verschiedenen potentiellen Schuldigen geredet worden. Da reihe ich mich nicht mehr mit ein, jeder der mich und meinen Blog kennt, kennt meine politische Haltung zu den rechten Sumpfgebieten der Politik.

Ich frage mich nur, ob diese knapp 21% wirklich zu ende gedacht haben, was sie da angestellt haben. Beispielsweise hörte ich in einem Interview, dass sich Menschen – zu Recht – aufgeregt haben, dass es kaum noch Ärzte im äußersten Norden gibt und damit die gesundheitliche Versorgung nicht optimal ist. Sicherlich hat da auch die Politik versagt, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen. Gleiches gilt für Lehrer und damit eine optimale Bildungspolitik. Nur – glaubt irgendjemand, dass das jetzt, da die AfD im Landtag sitzt besser wird? Glaubt auch nur eine Seele, dass jetzt noch gut ausgebildete Menschen einen Gedanken daran verschwenden in eine Region zu ziehen, die so derart stigmatisiert ist? Die ihre Familien (und damit ihre Kinder) einer Umgebung aussetzen möchten, in der mit demokratischen Werten so lax umgegangen wird? Die Kinder von Menschen unterrichten wollen, deren Überzeugungen konträr zu dem geht, was man in seinem Eid geschworen hat? Ich denke eher nicht.

Es gibt den Terminus der „Selbsterfüllenden Prophezeiung“ – hier paßt es er wie die Faust aufs Auge. Protestwahl, weil es einem angeblich schlecht geht mit dem Ergebnis, dass es sein kann, dass es einem bald wirklich nicht mehr gut geht.

Das liegt durchaus im Bereich des Möglichen, denn so wunderschön die Ostseeküste ist, ich habe jetzt schon Stimmen von Leuten gehört, die dort, bei „denen“, keinen Urlaub mehr machen und ihnen Geld in den Rachen werfen wollen (nicht meine Worte). Fährt man eben nach Schleswig-Holstein, wenn es die Ostsee sein soll, geht auch. Ein Bundesland, dass nicht sehr viel mehr als den Tourismus hat, kann sich so eine Haltung beim Rest der Welt nicht leisten. Womit dann der Nordosten Deutschlands eine sehr reelle Chance hat auszubluten.

Ich finde es so unfassbar schade, kenne ich doch eine Menge Menschen, die dort leben und gegen die braune Brut ankämpfen. Die jetzt in Mitleidenschaft gezogen werden, weil es zu viele Menschen gibt, die ihren – durchaus berechtigten Frust – nicht in konstruktive sondern in destruktive Bahnen gelenkt haben. Denn egal was jetzt noch in der deutschen Politiklandschaft passiert – Mecklenburg-Vorpommern ist im restlichen Deutschland und darüber hinaus stigmatisiert.

Gut gemacht, ihr AfD- und Nicht-Wähler. Ich bin sehr gespannt, wann ihr nach einem höheren Länderausgleich schreit, weil der Tourismus einbricht und ihr noch weniger Geld in den Kassen habt. Wann ihr nach Zwangsversetzung von verbeamteten Lehrern eure Gebiete ruft. Wie ihr noch lauter lamentiert, weil es noch weniger Ärzte bei Euch gibt. Ich bin sehr sicher, dass das etwas ist, worunter alle Einwohner dieses Landes leiden werden. Doch das ist dann nicht die Schuld von Ausländern und Flüchtlingen. Das habt ihr ganz allein geschafft.

Published in: on 6. September 2016 at 07:52  Comments (10)  

Mit ganz ohne

Ich möchte so gerne glauben, dass die Menschheit Fortschritte gemacht hat, denn ich bin ein von Grund auf positiver Mensch. Und vielleicht ist es auch nur ein dummer Zufall, dass sich bestimmte Dinge häufen. Aber kann mir mal jemand erklären, wie es im Jahre des Herrn zweitausendundsechzehn sein kann, dass es nicht nur viele Schlagzeilen sondern auch aggressive Reaktionen darüber gibt, dass sich eine Frau sagt, sie schminke sich nicht mehr?

WTF?!

Die Sängerin Alicia Keys hat für sich beschlossen, sie will kein Make-up mehr tragen. Punkt. Oh, the horror. Die Medien stürzen sich auf sie, die sozialen Netzwerke brechen schier unter #nomakeup zusammen und jeder hat eine Meinung dazu. Ich wiederhole mich:

WTF?!

Wann genau ist es ein politisches Statement geworden, was eine Frau, berühmt oder nicht, mit ihrem Gesicht macht? Wie groß oder wie klein ihre Poren sind? Ich begreife es nicht. Was ich aber noch viel weniger begreife ist, warum es so eine Riesensache ist, wenn eine Frau beschließt, sich nicht mehr zu schminken, es aber total egal ist, ob ein Kerl sich einen Bart stehen läßt oder nicht? An dieser Stelle sollte eigentlich stehen, dass #noshaving bei Kerlen bei weitem nicht so trendet wie #nomakeup. Bis ich gemerkt habe, dass es sich bei #noshaving darum handelt, ob, wann und wie man sich seine Beine rasiert. Facepalm.

Es sind Tage wie diese, an denen ich nicht weiß, was schlimmer ist: Die Tatsache, dass es überhaupt Beachtung findet, ob sich da jemand Farbe ins Gesicht wirft oder nicht oder dass es eine Frau und kein Mann ist, die bzw. der sich irgendwelchen ungeschriebenen Gesetzen nicht unterwirft. Oder einfach die Erkenntnis, dass wir alle so verdammt dekadent sind, dass wir überhaupt einen Gedanken an sowas verschwenden.

 

Published in: on 1. September 2016 at 07:57  Comments (2)