Dialog des Tages

Familie S. aus Z. ist auf dem Weg vom Weihnachtsbaumschlagen nach Hause. Im Radio wird von Adventskranzliedern im weitesten Sinne geredet, wie zum Beispiel „Ring of Fire“.

„Kind Nummer Eins, von wem ist „Ring of Fire?“ Ratlosigkeit neben dem Baum in der hinteren Hälfte des Autos.

„Kleiner Tip: The man in black!“

„Der Graf von Unheilig!“ Befriedigung schwingt in der Stimme mit.

Wir haben als Eltern versagt. Kläglich.

Advertisements
Published in: on 27. November 2016 at 15:38  Comments (3)  

Von Trump lernen

Es ist jetzt knapp 24 Stunden und drei Gin and Tonic her, dass klar ist, dass in den USA ein unberechenbarer, populistischer und politisch nicht ganz korrekter Mensch neuer Präsident geworden ist. Mein Handy steht nicht mehr still, wo ich gehe und stehe werde ich (selbst von Viertklässlern) drauf angesprochen und mein 10jähriger Sohn bombardiert mich mit Fragen, ob seine Mutter jetzt überhaupt noch mit in die USA darf, wo Trump das doch verbieten will. Jede Unterhaltung, die man über das Thema hat, beinhaltet früher oder später immer wieder die implizierte Feststellungsfrage

„Sind die Amis denn alle so dumm?“

Nein. Sind sie nicht. Sie haben es nur satt. Sie haben es satt, dass ihr Bildungssystem immer weiter zerbröckelt und ihre Kinder, so sie nicht auf einer privaten Schule sind, eine gute Chance haben eine sehr schlechte Schulbildung zu genießen. Leider steigt gleichzeitig die Arbeitslosenquote in den USA unter den Schlechtqualifizierten immer weiter. Universitäten kann sich dafür kein Mensch mehr leisten, die Schulden ersticken die Menschen. Die Lebenshaltungskosten (gerade auch die Lebensmittelkosten) steigen rasant. Niemals in der Geschichte der USA haben so wenige soviel besessen und umgekehrt. Spätestens seit der Bush-Wahl vor 12 Jahren geht ein Riss durch die Bevölkerung, der niemals wirklich gekittet wurde.

Und die Politik hat nicht nur nichts getan. Viel schlimmer ist, dass sie keinerlei Idee hatte, was die Menschen wirklich bewegt. Trump wurde nicht gewählt, weil irgendjemand glaubt, dass er eine Mauer auf Kosten der Mexikaner baut. Das war nur ein Synonym dafür, dass sie sich von der Politik nicht ernst genommen fühlen. Dass das System korrupt ist. Dass mit Wirtschaftsbossen und Lobbyisten gekungelt wird. Trump selbst sagte in einer der vielen Wahlkampfreden, dass er auf der Seite der Wirtschaft war und *er* sehr gut aus der Wirtschaftskrise rauskam. Im Gegensatz zu sehr, sehr vielen normal sterblichen Amerikanern.

Wenn das Ergebnis ein Gutes hat für die Amerikaner, dann doch, dass deren Demokratie lebt. Neben einigen anderen Faktoren wie der Besetzung des Supreme Courts und dessen weitreichenden Folgen und der Kongressbesetzung hat eine Sache eine Rolle gespielt: Es ist jemand gewählt worden, den die gesamte politische Kaste und auch die Wirtschaft nicht haben wollte. Den die Journaille nicht wollte. Der nur ein Bruchteil der Gelder verbraucht hat als die meisten anderen Kandidaten. Der wesentlich weniger Prominenz als Unterstützung hatte. Wenn man so will, ist er der auf die Politik übertragene Traum vom Tellerwäscher. Nur, dass dieser Tellerwäscher halt vorher schon sehr reich war. Aber das Volk hat gezeigt – bis hierhin und nicht weiter. Im Prinzip ist nicht er gewählt sondern es sind alle anderen abgewählt worden.

Bevor die Trolls jetzt über mich herfallen – ich würde jeden Menschen aus meinem Umfeld am liebsten verbannen, von dem ich wüßte, dass er oder sie Trump gewählt hat. Schon alleine, weil ich seine Sicht auf Menschen entwürdigend finde – nicht nur die auf Frauen und alleine deswegen ist er ein absolutes No-Go. Ich befürchte, er wird all die Probleme, die die USA haben, verstärken. Denn auch er wird in Washington mit seinen Strukturen nichts ändern. Nur wird ein Narzisst wie er das nicht still ertragen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was dann passiert in einem Volk, in dem ein sehr großer Teil bewaffnet ist, nicht unbedingt jeder mit seiner Waffe umgehen kann und das von einem Präsidenten aufgeputscht wird, der sehr gut im Gift verspritzen ist. Nur, ich kann es nicht ändern.

Was ich aber ändern kann, ist das, was wir hier haben. Das Netz ist voll von Sinnsprüchen wie

„Meckert nicht über die dämlichen Amis. Nächstes Jahr ist Bundestagswahl.“

Sprüche dieser Art enthalten viel Wahrheit – wenn man sich bei den Landtagswahlen umschaut, dann wird mir Angst und Bange. Wobei das Schlimmste dabei nicht ist, dass es so viele Menschen gibt, die extrem wählen wollen, sondern dass es hier die gleiche Tendenz der politischen und leider auch journalistischen Kaste gibt wie in den USA – ein Großteil von ihnen lebt in einem Wolkenkuckucksheim und hat schlicht keine Ahnung, was die Menschen bewegt. Die jetzige US-Wahl sollte allen Verantwortlichen eine Warnung sein, mehr auf die Menschen zuzugehen  – im Sinne von ihnen zuzuhören, sie ernst nehmen. Ja, auf alle, und ja, auch wenn es schwer fällt, jedes noch so dämliche Argument zu entkräften. Lösungsvorschläge zu unterbreiten, die machbar und sinnvoll sind. Mehr daran zu arbeiten, dass niemand zurückgelassen wird – und in bestimmten Landstrichen Deutschlands sind sehr viele zurückgelassen worden, die sich jetzt leider den Falschen zuwenden.

Aber es bedeutet auch, nicht aufzugeben. Ich habe mich selbst dabei ertappt, mir zu überlegen, wie um alles in der Welt ich eine unverfängliche Konversation hinbekommen soll, wenn ich auf Menschen treffe, von denen ich weiß, dass sie am rechten Rand des Spektrums stehen. Weil ich eine Party nicht sprengen wollte und/oder weil ich dachte, dass die Meinungen eh festgefahren sind. Ganz falsch. Ab jetzt wird zurück geredet. Mit Fakten. Das alleine wird niemanden zum Umdenken bewegen, aber vielleicht werden Zweifel an der dieser Ideologie gepflanzt. Das ist das, was ich tun kann.

Darüber hinaus kann man nur noch beten, dass die deutsche Politik und andere Entscheidungsträger aus dem lernen, was gerade über dem Teich passiert ist und dass sie endlich mal den Arsch hochkriegen. Man wird ja noch hoffen dürfen.

Ich verrücktes Ding, ich.

Published in: on 10. November 2016 at 09:23  Comments (8)