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Neues aus der wunderbaren Welt der Ernährungsmythologie

Es gibt ja Dinge, die ändern sich auch in Jahren nicht. Beispielsweise der Religionsersatz Hype um Low Carb/High Carb, Low Fat/High Fat, Vegetarisch/Vegan/Paleo und was es sonst noch so alles gibt. Natürlich ist nicht eine gesunde Mischung und wenig verarbeitetes Zeug gut – Gottbewahre, damit lässt sich ja kein Geld machen. Die Masse an fertigen Backmischungen beispielsweise im LowCarb Bereich ist unfassbar – und man braucht sie deswegen, weil es ja überhaupt kein Zeitaufwand ist, sich  setzehiergeradedenletztencoolenScheißein zu ernähren. Merkste selbst, oder? Daher habe ich mich seit mehr als 20 Jahren geweigert, auch nur irgendeinen Foodtrend in Gänze mitzumachen.

Weil aber Gott einen Sinn für Humor hat, hat es sich aufgrund von gesundheitlichen Gründen herausgestellt, dass der Autor eine FODMAP arme Ernährungsweise braucht. Für die Masse der Leute, die nicht wissen was das ist, findet man hier und hier gute Infos dazu. Kurz gesagt, sind FODMAPs kurzkettige Kohlenhydratverbindungen wie Fruktose, Fruktane, Laktose, Galaktose und die Zuckeraustauschstoffe Xylit, Sorbit und Maltit. Gesunde Menschen haben mit diesen Dingen keine oder nur wenig Probleme, Menschen, die unter dem sogenannten Reizdarm (oder auch IBS) leiden schon.  Für sie kann diese Art der Ernährung eine unfaßbare Erleichterung ihres Lebens sein. Aber auch nur für diese Menschen, für den Rest von uns gibt es wesentlich gesündere Arten, sich zu ernähren.

Und da kommen wir zum eigentlichen Thema. Bis ich unser gesamtes Ernährungskonzept von regional, saisonal und weniger Fleisch auf FODMAP-arm umstellen musste, fand ich es mehr oder minder amüsant, wie immer wieder die absolut neuesten Erkenntnisse aus irgendwelchen Studien herangezerrt und mit Zähnen und Klauen verteidigt wurden. Jetzt finde ich es bestenfalls bösartig schlimmstenfalls gefährlich Menschen gegenüber, die wirklich ein Problem haben.

Denn gerade Menschen mit Darmproblemen wird heute noch gerne erklärt, sie müssten auf das böse, böse Gluten verzichten. Kein Weizen, niemals nicht, schau, Mandelmehl als Alternative ist doch so viel besser. Nope. Ist es ganz und gar nicht. Nicht für Menschen mit Reizdarm. Die werden danach so richtig leiden. Und so ein leckerer Fruchtsalat als Snack geht auch nicht, solange da so exotische Dinge wie Äpfel oder Birnen drin sind, das wird böse Folgen haben.  Aber dass rotes Fleisch der Teufel schlechthin ist, darauf können wir uns einigen, ja? Nicht wirklich, wenn 90% aller Hülsenfrüchte für diese Menschen nicht zu verdauen sind, sind der Satan.

Gut, könnte man jetzt sagen, dann sollen sie es doch einfach lassen. Könnten sie, wenn sie denn wüssten, was sie haben. Die allermeisten haben aber (wie sehr viele Menschen mit ernährungsbedingten Problemen) einen langen Leidensweg und werden erst spät diagnostiziert – IBS zum Beispiel ist bis zum heuten Tag noch eine Ausschluss-Diagnose, die man erst bekommen sollte, wenn man einige Schläuche durch Öffnungen geschoben bekommen hat, durch die man eigentlich nichts geschoben bekommen möchte. Bis dahin probieren sie alles möglich aus. Genauso wie Menschen, die kein Histamin vertragen. Oder Salicylate. Oder anderes.

Es geht mir nicht darum,  zu beweisen, wie schlecht der Verzicht auf bestimmte Dinge ist – im Gegenteil, ich bin sehr für frisches Kochen ohne jeglichen Tütchen und Backmischungen – egal ob sie aus dem Discounter oder dem Biomarkt kommen. Aber vor allem geht es mir darum, dass die jeweiligen Jünger Anhänger der jeweiligen Ernährungsform ihre als die einzig Wahre propagieren. Denn das ist sie nicht. Sie mag für den einen oder anderen gut sein, ohne Frage. Aber eben nicht für jeden.

Es ja richtig, dass wir alle zuviel Zucker zu uns nehmen. Falsch ist aber zu behaupten, dass Zuckeralternativen wie Honig oder Agavendicksaft für alle besser sind. Es ist richtig, dass die meisten von uns zuviel – vor allem verarbeitetes – Fleisch essen. Falsch ist es zu behaupten, dass die gesamte Menschheit  ihren B12-Haushalt über Soja und Hülsenfrüchte sättigen kann. Es ist richtig, dass es ökologisch sehr fragwürdig ist, unser Obst aus allen Teilen der Welt zu jeder Jahreszeit liefern zu lassen. Es ist falsch zu behaupten, jeder von uns könne seinen Bedarf an Vitaminen, Spurenelementen und Ballaststoffen aus heimischen Obst und Gemüse decken.

Daher – hört endlich auf, die Ernährungsmethode von der ihr meint, dass sie bei Euch funktioniert als die allein Seeligmachende zu verkaufen. Es. Stimmt. Nicht. Im Zweifel beschert sie einfach nur vermeidbares Leid.

Und damit hier keiner (ausser vielleicht meine Geschmacksnerven) leidet, gehe ich jetzt ein Chili machen. Ohne Bohnen, Knoblauch und Zwiebeln. Yeah.

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